Sport : Vorwärts zum Sturze

Warum die erste Tourwoche so viele Opfer forderte

Tom Mustroph[Super-Besse]
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Alberto Contador trägt Kompressen, Robert Gesink einen Verband. Die Schürfwunden, die Levy Leipheimer sich beim Leitplankensurfen auf der sechsten Etappe zugezogen hat, werden vom Trikot verdeckt. Die erste Woche der Tour de France hat Opfer gekostet.

„Von rechts und von links fliegen dir die Leute ins Rad rein. Du weißt gar nicht, was du zuerst machen sollst, um noch auf dem Rad zu bleiben“, schildert Lampre-Profi Danilo Hondo die Dauererfahrung der ersten acht Etappen der Tour de France. Für den gebürtigen Gubener, der auf immerhin 13 Rundfahrtteilnahmen zurückblicken kann, stellt dieses erste Tourdrittel eines der härtesten seiner Laufbahn dar.

Zum Teil war dieses Chaos durch den Parcours ausgelöst. Tourveranstalter ASO lotste das Peloton über schmale Straßen mit vielen Kreisverkehren. „Ich weiß nicht, ob es eine kluge Entscheidung darstellt, ein so großes und so nervöses Feld über derartig kleine Straßen mit so vielen Hindernissen zu führen“, sagt HTC-Profi Tony Martin. „Die Tour muss umdenken.“

Jean-Francois Pescheux, der Renndirektor der ASO, der auch die Streckenführung für jede Tour festlegt, ist nicht dieser Meinung: „Wir haben Straßen ausgewählt, auf denen tagtäglich Autos fahren. Was wäre das für eine Tour de France, wenn wir nicht mehr Departmentalstraßen benutzen dürften? Dann würde die Tour nur noch auf Autobahnen zwischen Nantes, Bordeaux, Marseille und Lyon stattfinden.“ Pescheux hält Stürze für einen strukturellen Bestandteil des Straßenradsports und ermahnt die Fahrer, zurückzustecken, wenn es zu eng wird.

Doch genau das ist das klassische Dilemma der ersten Tourwoche. „Du willst am Anfang so wenig Kraft wie möglich verlieren. Also bist du bestrebt, dich inmitten des Pelotons aufzuhalten. Du willst aber auch nicht durch dumme Dinge Zeit verlieren. Also versuchst du weiter vorn zu bleiben. Das jedoch kostet Kraft“, sagt Erik Breukink, Teamchef von Rabobank.

In diesem Jahr kommt verschärfend hinzu, dass mit Alberto Contador der Titelverteidiger bereits in Rückstand geraten und daher zur Aufholjagd gezwungen ist. Um dabei zu sein, wenn er angreift, drängen die Klassementfahrer im Etappenfinale nach vorn. „Dann wird es eng und man riskiert immer mehr. Du versuchst, einen Vorteil zu erlangen, indem du später bremst. Ein Bremsmanöver löst das andere andere aus und am Ende der Kette liegt dann einer auf der Straße“, sagt Hondo lakonisch.

Das ist Radsport paradox: Ausgerechnet in ihrem Bemühen, Stürze zu vermeiden, erhöhen die Klassementfahrer durch ihren Vorwärtsdrang die Wahrscheinlichkeit von Massenstürzen.

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