Sport : Vorwärts

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Von Karsten Doneck

Matthias Sammer suchte Vergebung. „Er ist ein Heißsporn, ich auch“, sagte Sammer. Und wenn zwei solche Charaktere aneinander geraten, knallen schon mal die Sicherungen durch. Borussia Dortmunds Trainer und Sergej Barbarez, Torjäger des Hamburger SV, lieferten sich am Rande des 4:3-Sieges der Borussia in der AOL-Arena schon nach einer Viertelstunde ein hitziges Wortgefecht an der Außenlinie. Als Barbarez, ehemals Dortmunder, schließlich wütend fortstapfte, sandte ihm Sammer noch einen Gruß hinterher: Der Trainer schoss dem Bosnier einen zufällig herumliegenden Ball kuzerhand ins Kreuz. Ein Schuss, der nach hinten losging: Sammer wurde von Schiedsrichter Fandel auf die Tribüne verbannt. „Ich war in der Szene nicht das Vorbild, das ich als Trainer zu sein habe“, sagte Sammer später kleinlaut und entschuldigte sich – auch bei Barbarez: „Mit Sergej treffe ich mich manchmal beim Italiener, das ist kein schlechter Kerl.“

Noch ein Dortmunder verbrachte den Großteil seiner 90-minütigen Arbeitszeit entgegen allen Planungen als Zuschauer. Abwehrspieler Christian Wörns sah für ein Foul an Barbarez, bei dem sich der HSV-Profi das Jochbein brach, die Gelb-Rote Karte. „Tut mir Leid“, erzählte Wörns später, „ich entschuldige mich bei Sergej.“ So viel Reue auf einen Schlag – da behaupte noch einer, Profifußball sei herzlos.

Dortmunds Verhalten hinterher legt den Verdacht nahe, da wolle ein Klub am Ende der Bundesliga-Saison gleich als zweifacher Deutscher Meister dastehen. Sportlich hat die Borussia nach dem Erfolg in Hamburg die besten Aussichten, die Nachfolge von Bayern München als Deutscher Meister anzutreten. Ein Sieg daheim gegen Werder Bremen am letzten Spieltag und die sechste Deutsche Meisterschaft wäre den Schwarz-Gelben nicht mehr zu nehmen.

Aber Dortmund will mehr. Der Verein möchte auch jenen Titel mitnehmen, der dem ungeliebten Revier-Rivalen Schalke 04 in der vorigen Saison zugeschrieben wurde. Angespornt vom fast bundesweiten Mitleid – Dortmunder Fans natürlich ausgenommen – riefen die Boulevardzeitungen damals die am letzten Spieltag knapp und unglücklich am Titelgewinn gescheiterten Schalker als „Meister der Herzen“ aus.

Diesen Titel auch noch zu bekommen, daran scheitern die Borussen möglicherweise durch eine erkleckliche Anzahl missliebiger Vorfälle in jüngster Vergangenheit: der Ausraster von Torwart Jens Lehmann gegen den Freiburger Soumaila Coulibaly, der unberechtigte Foulelfmeter gegen den 1. FC Köln, der den Borussen in letzter Minute den 2:1-Sieg bescherte, die beiden Platzverweise in Hamburg – das gibt keinerlei Sympathiepunkte. Und dann ist da ja auch noch die permanent wiederkehrende Behauptung, den mit Abstand schönsten Fußball in dieser Saison spiele sowieso Bayer Leverkusen. Das wurmt den Fast-schon-Meister.

Sammer und Wörns erwiesen sich in Hamburg wenigstens als reuige Sünder. Und Sammer, nach dem dramatisch-hektischen Geschehen einmal auf Schmusekurs gegangen, warf sich, bildlich gesprochen, auch gleich noch dem Hamburger Publikum in die Arme. Wie er sich denn da auf der Tribüne gefühlt habe, wurde Sammer gefragt. „Ach“, sagte der Dortmunder Trainer , „ich kann nicht klagen. Die Leute da waren sehr loyal, ich habe mich wohl gefühlt.“

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