Vorwürfe gegen Michael Holczer : Stefan Schumacher belastet ehemaligen Teamchef

Der ehemalige Radprofi des Gerolsteiner-Teams wirft Michael Holczer in einem Interview vor, alles gewusst zu haben. "Doping war wie ein Teller Nudeln", berichtet der Fahrer.

Stefan Schumacher griff beim Team Gerolsteiner zu vielen unerlaubten Substanzen.
Stefan Schumacher griff beim Team Gerolsteiner zu vielen unerlaubten Substanzen.Foto: dpa

Nach vehementem Leugnen hat Stefan Schumacher erstmals jahrelanges Doping gestanden. Zugleich belastete er seinen damaligen Teamchef Hans-Michael Holczer und frühere Ärzte schwer. „Ich habe Epo genommen, auch Wachstumshormon und Kortikosteroide“, sagte der zweifache Etappensieger und Träger des Gelben Trikots bei der Tour de France 2008 in einem Interview mit dem „Spiegel“. Zuvor hatte der Radprofi aus Nürtingen stets heftig die Einnahme verbotener Substanzen bestritten. Holczer wies Schumachers Beschuldigungen von sich.

Der ehemalige Chef des Gerolsteiner- Rennstalls habe von den illegalen Vorgängen gewusst. „Einen so laxen Umgang mit Medikamenten habe ich nur bei Gerolsteiner erlebt, und Holczer war darüber bestens im Bilde“, erklärte der Profi, der zu den größten Hoffnungen des deutschen Radsports nach Jan Ullrich zählte. Schumacher fährt derzeit für den dänischen Drittligisten Christina Watches unter der Regie des Ex-Profis Michael Rasmussen, der unlängst ebenso Doping gestand.

„Dass er nichts vom Doping in seinem Team wusste, wie er behauptet, stimmt nicht“, erklärte Schumacher in Richtung Holczer. „Unsere Teamärzte wussten Bescheid. Sie haben zum Teil aktiv beim Dopen mitgemischt, und Holczer hat ständig mit den Ärzten geredet, die er ja auch eingestellt hat“, erklärte Schumacher, hinter dessen öffentlichem Geständnis Holczer Prozesstaktik vermutet. Der Radprofi muss sich ab dem 10. April vor dem Landgericht Stuttgart wegen Betrugsverdachts verantworten. Dabei geht es auch um die Rückerstattung von Gehaltsanteilen in Höhe von 150 000 Euro an Holczer.

Der Geschichts- und Mathematiklehrer aus Böblingen, der in seiner Zeit bei Gerolsteiner in der Öffentlichkeit als aufrechter Anti-Doping-Kämpfer wahrgenommen worden war, habe laut Schumacher „nach außen den großen Mahner gegeben“, intern habe sich „aber nie etwas geändert“. Neben Schumacher waren auch Bernhard Kohl (Österreich), Davide Rebellin (Italien) und Lance Armstrongs ehemaliger Teamkollege Levi Leipheimer (USA) während ihrer Zeit bei Gerolsteiner oder danach wegen Dopings aufgeflogen.

Der beschuldigte Holczer reagierte am Freitag gelassen. „Das ist vollkommen aus der Luft gegriffen und diskreditiert eine komplette Mannschaft. Ich werde mich nicht direkt zu den taktischen Anschuldigungen eines Herrn Schumacher äußern. Ihm steht ein Betrugsprozess vor dem Landgericht Stuttgart bevor. Das wird die Angelegenheit klären“, sagte der frühere Teamchef des russischen Katusha-Rennstalls, der inzwischen auf einen Beraterposten im russischen Radsport-Verband gerückt ist. Holczer ist am 18. April zum Schumacher-Prozess als Zeuge geladen.

Schon mit Anfang 20 habe er begonnen, sich Spritzen zu setzen, bekannte der 31-jährige Schumacher. „Ich habe mich in ein System eingefügt. Das macht mich nicht stolz, aber es war eben so“, sagte er. „Doping wird zum Alltag wie der Teller Nudeln nach dem Training.“ Während seiner Zeit bei Gerolsteiner von 2006 bis 2008 sei im Mannschaftsbus eine Vielzahl von Medikamenten transportiert worden. „Die meisten konnte sich jeder aus der Medikamentenbox nehmen. Das war völlig verrückt.“ Die Reiseapotheke habe so ausgesehen: „Koffein- und Schlaftabletten bis zu den dicksten Hämmern von Schmerzmitteln wie Tramadol. Auch das Potenzmittel Viagra war im Koffer, das sollte die Atmung verbessern.“ (dpa)

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben