Sport : Vuelta: Jan Ullrich im Interview: "Schönes Wetter, kurze Etappen"

Hätten Sie ohne die Reißzwecke im Vorde

Jan Ullrich (26) wurde schon mit Radsport-Legenden wie Eddy Merckx oder Bernard Hinault verglichen, nachdem er 1996 die Tour de France gewonnen hatte. In diesem Jahr wurde er trotz schlechter Vorbereitung Zweiter bei der Tour hinter Lance Armstrong. Der gebürtige Rostocker fährt zurzeit die Vuelta, hat aber als nächstes großes Ziel die Olympischen Spiele in Sydney vor Augen.



Radprofi Jan Ullrich fährt die Spanien-Rundfahrt ganz locker. Ohne Stress. Ohne Druck. Ohne Medienrummel. Gerade zwei schreibende deutsche Journalisten begleiten ihn auf einigen Etappen. Der Ullrich der Vuelta ist ein ganz anderer als der Ullrich der Tour: Aufgeschlossen, gelassen. Ganz locker gibt sich der deutsche Radstar auch, wenn er nicht auf dem Rad sitzt. Im folgenden Interview am Abend nach der Reißzweck-Panne beim Zeitfahren in Tarragona sagte Jan Ullrich den bemerkenswerten Satz über seine Ambitionen in Spanien: "Ich opfere lieber die Vuelta, als bei den Olympischen Spielen schlecht zu fahren."

Hätten Sie ohne die Reißzwecke im Vorderreifen das Zeitfahren gewonnen?

Vielleicht nicht. Schwer zu sagen. Aber ich denke schon, dass ich ohne den Schaden und den Schleicher über fast zwei Kilometer unter die ersten drei hätte fahren können. Geärgert hätte ich mich, wenn es voll danebengegangen wäre. Aber so war es nur eine Minute. Es hat sich dadurch wenig verändert. Ich bin zufrieden. Olano hatte einen Fahrer (Igor Gonzalez de Galdeano, die Red.) vor sich gesehen. Das zieht einen unwahrscheinlich. Ich hatte keinen vor mir. Daher wäre wohl Olano auch ohne mein Malheur schneller gewesen.

Es hieß, Sie fahren die Vuelta zur Vorbereitung auf Olympia und nicht auf Sieg. Was sind jetzt Ihre Ambitionen?

Da hat sich nichts geändert. Ich will eine gute Vuelta fahren. So lange ich vorne dabei bin, werde ich probieren, auch dort zu bleiben. Aber ohne an die Substanz zu gehen. Ich fahre schon seit über zwei Monaten auf sehr hohem Level. Und irgendwann streikt der Körper. Wenn ich merke, ich müsste mal ein bisschen rausnehmen, dann werde ich das tun. Ich möchte bei den Olympischen Spielen gut sein. Ich würde lieber die Vuelta opfern, als in Sydney schlecht zu fahren.

Wie muss man sich dieses Rausnehmen vorstellen?

Ich spüre, wenn der Körper müde wird, und werde mich dann, so gut es geht, schonen. Wenn ich merke, ich muss jetzt etwa in den Pyrenäen alles bringen, um bei der Gruppe mitzugehen, und es am nächsten Tag am ersten Berg schon wieder klemmt, dann muss ich kürzer treten, Luft ranlassen, regenerieren. Sonst stürzt die Form ab.

Lance Armstrong trainiert nur für Olympia. Welchen Vorteil bietet die Vuelta als Vorbereitung?

Ich steige bei der Vuelta viel leichter aufs Rad als zum Training. Das Wetter ist schön. Die Etappen sind kurz, aber intensiv. So müsste ich auch trainieren.

Ist der Ehrgeiz, die Vuelta wieder zu gewinnen, den ersten Platz in der Weltrangliste zu verteidigen, nicht größer, als hier nur die Form für Olympia zu halten?

Die Weltrangliste im Radsport hat nicht die Bedeutung wie die beim Tennis. Es gibt in unserem Sport so viele verschiedene Ziele. Man sieht, dass ich mich auch anstrenge. Aber ich muss hier nicht um jeden Preis gewinnen. Ich habe schon meine Erfolge verbucht mit meinem zweiten Tour-Platz und anderen guten Ergebnissen. Deswegen lasse ich es auch weiterhin ganz locker angehen. Ich stehe nicht unter Zwang wie andere hier, die noch nichts gewonnen haben in dieser Saison. Warten wir ab, wie es nach Andorra aussieht.

Dort wartet "Ihr" Berg auf Sie - Arcalis. Kein besonderer Ansporn?

Ich hoffe natürlich, dass ich wieder so ein Glück habe wie bei den Ankünften zuvor, als ich zweimal das Gelbe Trikot eroberte, erst bei der Tour und dann letztes Jahr bei der Vuelta. Das wäre schon ein Ding, wenn mir das wieder gelingen würde.

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