Wada-Chef verteidigt neue Dopingregel : „Einige wollen einen Chip im Körper“

Athleten bezeichnen die neue Dopingregel als "Verfolgungswahn". Wada-Generaldirektor David Howman verteidigt sie. Die Sportler würden sich daran gewöhnen

Friedhard Teuffel
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Foto: AFP

Mister Howman, die neue Ein-Stunden-Regel hat große Aufregung unter den Athleten verursacht. Der Hauptkritikpunkt ist: Sie greift stark in die Privatsphäre ein.

Natürlich tut sie das. Das ganze Testprogramm ist ein Eingriff. Dass man zum Beispiel vor den Augen eines fremden Menschen pinkeln muss. Die neue Regel gilt aber nur für die absoluten Spitzenathleten. Und dass sie ihre Daten angeben heißt auch nicht gleich, dass sie jeden Tag kontrolliert werden.

Welche Grenze würde die Wada nicht überschreiten?

Wo die Grenze gezogen wird, müssen andere bestimmen. Bei den neuen Möglichkeiten des Informationsaustauschs geben Menschen immer mehr Daten preis und verzichten damit auf ihre Privatsphäre. Auch Athleten haben ihre eigenen Internetseiten, sind bei Facebook registriert und so weiter. Wenn man das alles berücksichtigt, muss man sagen, dass wir noch keine Grenze überschritten haben.

Aber ist die neue Regel auch effizient? Manche Substanzen können schließlich schon nach einigen Stunden nicht mehr nachgewiesen werden und die Athleten können sich nun auf die Kontrolle vorbereiten und möglicherweise manipulieren.

Zunächst finde ich es sehr traurig, wenn sich Athleten mehr damit beschäftigen, wie sie betrügen können als zu trainieren um sauber zu gewinnen. Zweiter Punkt: Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, die Effizienz eines sechs Wochen alten Systems zu bewerten. Dafür braucht man Monate, nicht Wochen.

Kann die Wada garantieren, dass dieses System wirklich weltweit funktioniert?

Garantieren können wir es nicht. Wir müssen uns auf die internationalen Verbände verlassen um sicherzustellen, dass die Athleten ihre Meldeangaben machen. Aber wir sind optimistisch, weil auch die Länder ihre Kooperation zeigen, die früher kein richtiges Anti-Doping-System hatten.

Was ist zum Beispiel mit Jamaika? Dort gibt es keine Anti-Doping-Agentur.

Sie haben jetzt eine, eingerichtet von der Regierung. Außerdem gehören ihre international startenden Athleten zum Beispiel zum Testpool des Internationalen Leichtathletik-Verbandes. Auf der internationalen Ebene haben wir keine Probleme mit Jamaika.

Deutsche Athleten haben sich beklagt, dass die Meldung im Internet so zeitaufwändig ist. Der Gegenvorschlag eines Athleten ist, alle Sportler mit einem GPS-Sender an einer Armbanduhr auszustatten.

Bei solch einer Uhr  müsste man sicherstellen, dass sie auch der richtige trägt. Wir können auch kein System einführen, das nur in wenigen Ländern funktioniert. Es muss global einsetzbar sein. Andere Athleten haben gesagt, sie wären froh, wenn sie einen Chip im Körper tragen würden. Doch das wäre ein noch ein viel tieferer Eingriff in die Privatsphäre als die Regel, die wir haben. Aber wir sind immer offen für Vorschläge.

Also glaube Sie, dass das bestehende System das bestmögliche ist?

Im Moment ja. Die Athleten werden sich an die Ein-Stunden-Regel gewöhnen. Es wird so sein wie bei den Sicherheitskontrollen am Flughafen. Die hat man am Anfang auch als ziemlich hart empfunden.  

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.


David Howman, 60, ist seit 2003 Generaldirektor der Welt-Anti- Doping-Agentur Wada in Montreal. Zuvor war der Jurist Vorsitzender der Anti-Doping-Agentur in seiner Heimat Neuseeland.

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