Sport : Während des Spiels ist vor dem Spiel

Hertha BSC schont sich gegen Nikosia für den ersten emotionalen Saisonhöhepunkt im Olympiastadion: das Spitzenspiel gegen Werder Bremen

Stefan Hermanns

Berlin - In Zeiten, in denen das DSF bei seinen Übertragungen von Fußballspielen den Bildschirm mit immer mehr Werbeeinblendungen und Wettangeboten zukleistert, hätte sich für die Uefa-Cup-Begegnung zwischen Hertha BSC und Apoel Nikosia folgende Zuschauerfrage angeboten: Wann wird Herthas bekannteste Werbefigur Marcelinho von seinem unbekannten zypriotischen Gegenspieler zum Trikottausch genötigt? A) In der Pause. B) Nach dem Spiel. Oder C) Überhaupt nicht. Lösung C war die unwahrscheinlichste, doch als Marcelinho nach dem Abpfiff vom Feld trottete, trug er immer noch seine komplette Sportausrüstung inklusive der schwarz-rot-goldenen Kapitänsbinde am linken Arm. Der Brasilianer war zum ersten Mal in einem Pflichtspiel Kapitän des Berliner Fußball-Bundesligisten. „Es hat mich sehr gefreut“, sagte er.

Es war ohnehin ein guter Tag für Marcelinho gewesen. Beim 3:1 gegen Nikosia schoss er mit einem Freistoß das erste Tor der Berliner, das dritte durch Ellery Cairo bereitete er vor, und als Arne Friedrich nach der Pause der Schonung wegen nicht mehr aufs Spielfeld zurückkehrte, durfte Marcelinho als zweiter Ersatzkapitän die Spielführerbinde von ihm übernehmen. Zumindest der Brasilianer also wird das Spiel gegen Nikosia in ehrendem Andenken halten.

Das unterscheidet ihn von einem Großteil seiner Kollegen, deren Verdrängungsprozess bereits kurz nach dem Abpfiff einsetzte. Trainer Falko Götz schickte die Mannschaft noch am Abend zum Auslaufen, verordnete anschließend gemeinsame Nahrungsaufnahme und erteilte für die Nacht eine Ausgangssperre. Doch die rigiden Maßnahmen waren nicht als Reaktion auf eine unzulängliche Leistung seiner Spieler zu verstehen, sondern als notwendiges Regenerationsprogramm.

„All das ist ja passiert, damit man gegen Bremen wieder richtig Gas geben kann“, sagte Manager Dieter Hoeneß. Die zeitweilige Arbeitsverweigerung der Berliner war nicht nur erwünscht, sondern von höherer Stelle nachgerade angeordnet worden, denn schon heute Nachmittag, nur 43 Stunden nach dem Ende der Begegnung gegen Nikosia, trifft Hertha auf Werder Bremen, einen Gegner, der nach seinem Europacupspiel zwei Tage länger Pause hatte. Allerdings sieht Hoeneß seine Mannschaft zumindest psychologisch im Vorteil, weil die Bremer am Dienstag in Athen verloren haben.

Der Vierte der Bundesliga empfängt heute den Dritten, „ein richtiger Hit ist das“, sagte Hoeneß, „ein Topspiel“. Für Hertha und das Berliner Publikum ist die Begegnung mit den Bremern der erste emotionale Saisonhöhepunkt im Olympiastadion. Bisher waren die beiden Aufsteiger Frankfurt und Duisburg zu Gast, dazu die graue Maus Wolfsburg und eben Nikosia. „Man merkt, die Mannschaft ist gierig auf Werder Bremen“, sagte Falko Götz. Die Zuschauer sind es ebenso. 52 000 Karten sind bisher verkauft worden, Hoeneß rechnet mit mehr als 60 000 Besuchern.

Angesichts dieser Aufgabe wurden gegen Nikosia selbst ewige Fußballerwahrheiten außer Kraft gesetzt: Nicht nach dem Spiel ist vor dem Spiel; für Hertha war schon während des Spiels vor dem Spiel. In der Pause gegen Nikosia gab Götz seinen Spielern beim Stand von 2:0 und dem sicheren Einzug in die Gruppenphase des Uefa-Cups den Auftrag, „den Ball zu halten und unnötige Laufwege in die Defensive zu vermeiden“. Nach Arne Friedrich nahm Herthas Trainer wenig später auch noch Yildiray Bastürk vom Feld, Niko Kovac durfte sich sogar 90 Minuten lang auf der Ersatzbank entspannen. Ärgerlich war für die Berliner nur, dass Nando Rafael sich eine Leistenzerrung zuzog und ebenso wie Dick van Burik gegen Bremen ausfällt.

Der Uefa-Cup war in diesem Fall nur das Vorspiel für die weit bedeutendere Begegnung mit Werder Bremen. „Mit einem Sieg können wir uns wirklich für längere Zeit oben festsetzen“, sagte Hoeneß. Schon jetzt haben die Berliner im 24. Jahr ihrer Bundesligazugehörigkeit den besten Saisonstart hingelegt, und passend zur positiven Grundstimmung wurde gestern bekannt, dass Hertha bei der Auslosung der Uefa-Cup-Gruppen am kommenden Dienstag neben Titelverteidiger ZSKA Moskau, dem AS Rom, dem VfB Stuttgart und AS Monaco aus dem Topf mit den besten Teams gezogen wird.

Falko Götz berichtete, dass die Mannschaft den Aufschwung sehr wohl registriert habe: „In der Kabine war der allgemeine Tenor: Wahnsinn, was wir in den letzten Wochen geleistet haben.“ Seit dem dritten Spieltag ist Hertha ungeschlagen, im DFB-Pokal und im Uefa-Cup haben die Berliner die zweite Runde erreicht. Daraus allerdings sollte niemand ableiten, dass es bereits eine gewisse Zufriedenheit mit dem Erreichten gebe. Gegen die Bremer hat Hertha seit 2001 kein Heimspiel mehr gewonnen. Falko Götz sagt: „Die sind einfach dran.“

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