Wahl11 : Wahlheimat für Fußballfans

Deutschland ist ein Land von Bundestrainern - so heißt es. Warum sollte also nicht in einer demokratischen Wahl abgestimmt werden, welche Spieler in der Nationalelf stehen und zur Fußball-WM fahren sollen? Eine Berliner Künstlerin hat so ein Projekt nun in Angriff genommen.

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Loew
Bundestrainer Löw hat bei der Mannschaftsaufstellung das letzte Wort. -Foto: dpa

Warum soll nur ein Mann bestimmen, wer Deutschland bei der WM in Südafrika vertritt? Genau diese Frage hat sich die Berliner Autorin und Filmemacherin Marion Pfaus gestellt und die Internetplattform wahl11.de ins Leben gerufen, auf der man die deutsche Fußballnationalmannschaft demokratisch wählen kann. Wahlberechtigt ist dabei jeder, der eine Maus halten kann oder jemanden kennt, der das kann. Nationalität oder Alter spielen keine Rolle. Und: Anders als etwa bei der Bundestagswahl darf man sogar mehrmals wählen.

Die Idee, die Nominierung des deutschen Kaders zu demokratisieren, kam ihr vor dem Fernseher, bei einer dieser typischen Fußballdebatten, die an jedem Spieltag von Tausenden Hobby-Bundestrainern geführt werden. Warum spielt der eine ausgerechnet da, wieso aber sitzt der andere auf der Bank. Wieso hat der Trainer nicht anders aufgestellt. "Da habe ich gedacht, was wäre, wenn man wirklich die Wahl hätte", erzählt Marion Pfaus. Schon ein paar Wochen später stand das Konzept zu wahl11. Gemeinsam mit einem Team "aus lauter Profis", wie Pfaus immer wieder gerne betont, plante und programmierte sie die Seite, die für sie noch immer "ein Spaßprojekt" ist.

Denn Marion Pfaus begeistert sich seit ihrer Jugend für den Fußball. "Ich habe schon ganz früh auf Fußballplätzen rumgestanden", erzählt die schmächtige Frau mit der großen schwarzen Brille, der man eher zutrauen würde, ein Abonnement des Deutschen Theaters als eine Dauerkarte für den Hertha-Fanblock zu besitzen.

Jetzt ist wahl11 seit sechs Wochen online. 10.000 Freizeitteamchefs haben bereits abgestimmt.

Noch haftet der Seite der Charme des Chaos an. Doch auch das soll bald vorbei sein, versichert Pfaus. Neue Gimmicks sind längst geplant.

Das Herzstück der Seite, die Wahl selbst, funktioniert hingegen denkbar einfach. Ein Informatik-Kurs an der Volkshochschule wird nicht benötigt: Zuerst wählt man eines der sechs verschiedenen Spielsysteme, derzeit spielt die Demokratie-Elf im 4-4-2, und wirft die Spieler anschließend per simplem Drag&Drop-Verfahren auf den Platz. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ob mit den Bender-Zwillingen auf der Doppelsechs, Christian Vander im Tor oder Andreas Görlitz als rechter Verteidiger, auch hier gilt die alte Swingerclub-Regel: Alles kann, nichts muss. Und selbst Michael Thurk darf in dieser Wunderwelt der Demokratie in der Mitte stürmen. "Thurk war eine Ausnahme", erklärt Marion Pfaus. Der Stürmer aus Augsburg wurde erst in die Liste aufgenommen, weil die User sich vehement für ihn eingesetzt hatten.

Dieses Beispiel zeigt: Wahl11 reagiert schnell auf Strömungen innerhalb der Fanszene. Und die User reagieren fast noch schneller auf Entwicklungen auf dem Platz. Nach seiner Gala gegen den 1. FC Köln und dem Tor gegen die Gigantenmaschinerie Barcelonas erlebte der Stuttgarter Cacau einen gewaltigen Popularitätsschub, gleichsam stieg sein Stimmenanteil.

In diesen Momenten ist wahl11 sehr nah dran am Pulsschlag des Spiels und strahlt bisweilen die Ernsthaftigkeit aus, die sich nicht vermeiden lässt, wenn man ein Spiel zu demokratisieren versucht, das auch fast dreißig Jahre nach dem Tod Bill Shanklys noch immer mehr ist als das. Fußballfans können eben ganz besonders verbissen sein. Und empfindlich. Gerade wenn es um ihre Meinung geht. Und doch findet Marion Pfaus, dass wahl11 auch mit einem Augenzwinkern betrachtet werden muss. Denn: "Wahl11 ist auf jeden Fall auch Satire, alleine eine Fußballmannschaft demokratisch aufstellen zu wollen, ist doch Satire an sich. Das ist eigentlich absurd", sagt sie und muss lachen.

Für sie als Künstlerin ist wahl11 in erster Linie ein bewegliches Kunstwerk. Ein Stammtisch als Web 2.0 Installation.

Und doch besteht trotz dieses Kunstanspruchs und der fast schon romantisch verklärten Idee, mitbestimmen zu können, wer in Südafrika die Hymnen singt, die Gefahr, dass wahl11 nur ein weiteres Onlinespielchen bleibt, das im Vakuum des Web 2.0 niedlich vor sich hin blinkt.

Denn letztendlich fehlt der Realitätsbezug, die Durchlässigkeit. Dieses "Loch in die Welt" wie es Marion Pfaus selbst nennt, könnte nun die erste Wahlparty von wahl11 werden, die heute Abend im Pavillon im Volkspark Friedrichshain stattfindet. Hier trifft sich der Online-Stammtisch das erste Mal analog.

Bis 20:15 Uhr können die User trotzdem noch im virtuellen Wahllokal ihre Stimmzettel abgeben. Dann wird Marion Pfaus die erste Wahlanalyse präsentieren. "Ich hoffe natürlich, dass die Leute nicht nur zum Spiel kommen, sondern schon vorher da sind und viel diskutieren", sagt sie noch.

Zwingen kann sie ihre User natürlich nicht. Das wäre irgendwie undemokratisch.

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