Sport : Wahrscheinlich Weltmeister

Michael Rosentritt

Vom Fußball heißt es ja so schön, dass er ein schnelllebiges Geschäft sei. Das mag stimmen, auf den ersten Blick. Ein paar Wochen vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land ließen sich die Aussichten der Gastgebermannschaft ungefähr in dieser Aussage bündeln: Ja, auch Deutschland hat die Möglichkeit, Weltmeister zu werden, aber es ist eben nicht sehr wahrscheinlich. Drei Gruppen- und ein Achtelfinalspiel später lässt sich feststellen: Deutschland hat noch immer die Möglichkeit, Weltmeister zu werden, und die Wahrscheinlichkeit ist gar nicht mal so gering. Ja, man könnte sogar sagen: Mit jedem Spiel der Deutschen ist die Wahrscheinlichkeit größer geworden. Das hat nichts mit patriotischer Blindheit zu tun, sondern ist die gespielte Wirklichkeit auf dem Rasen.

Während die ersten drei Gruppenspiele so etwas wie ein komprimiertes Abbild der 23 Monate andauernden Ära Jürgen Klinsmann waren, ist die Mannschaft im WM-Achtelfinale aus diesem Kreis der Aufs und Abs zwischen Confed-Cup und dem 1:4 gegen Italien herausgetreten. Die Mannschaft hat teilweise nicht nur begeisternd gespielt, sie hat jetzt zu jener Balance zwischen ergebnisreichem Offensivspiel und verlässlicher Defensive gefunden, die alles als möglich erscheinen lässt.

Die Mannschaft hat sich hineingespielt – ins Turnier und in die Herzen der Fans. Und beide, Mannschaft und Menschen, machen nicht den Eindruck, als wären sie an ihre Grenzen gestoßen. Tatsächlich wird es von Woche zu Woche schwieriger, gegen dieses Team mit seinem eigenem Publikum anzutreten.

Die deutsche Mannschaft ist wieder eine gute Mannschaft. Wie sagte doch Schwedens Nationaltrainer Lagerbäck: „Um Deutschland zu schlagen, musst du in bester Form sein. Von diesem Team kriegt man nichts geschenkt.“

Warum wird so über die deutsche Mannschaft gesprochen? Warum steht sie da, wo sie steht?

Die Mannschaft hat hart gearbeitet: auf Sardinien, in Genf und Düsseldorf, ja selbst während des Turniers wird zwischen den Spielen in Berlin intensiv trainiert: Körper und Kopf. Jetzt sind die Ergebnisse da, und mit ihnen wächst das Selbstvertrauen. Diese deutsche Mannschaft ist ohne Probleme im Stande, hohes Tempo zu gehen. Die Spieler sind fit und fleißig, selbst im Spiel ohne Ball. Sie sind in der Lage, bis zum gegnerischen Tor gut zu kombinieren und vor dem Tor Aktionen erfolgreich abzuschließen. Die Mannschaft ist in sich gewachsen und charakterlich ausgewogen. Nach sechs Wochen intensiver Arbeit ist kein Spieler hartnäckig verletzt. „Es scheint“, wie Jürgen Klinsmann sagt, „als wenn alles in sich greift.“

Man darf sich freuen auf das Viertelfinale gegen Argentinien. „Es wird nicht Schluss sein im Viertelfinale. Der Hunger wird größer statt kleiner“, sagt Klinsmann. Vor dem Turnier galt Argentinien neben Brasilien als der Favorit auf den Titel. Daran hat sich prinzipiell nicht so sehr viel geändert. Nur dass die Südamerikaner einen ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen haben.

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