Sport : Waldemar Cierpinski: Haben Sie Mut! Nennen Sie ihre Neuankömmlinge Waldemar!

Heinz Florian Oertel

Die gute alte Melodie "Down by the riverside" wurde dadurch nicht schlechter, dass sie vor drei Jahrzehnten von Showmaster Lou van Burg als "Freunde fürs Leben" gesungen wurde. Im Gegenteil. Heute singe ich das nach. Für meinen Freund, den zweifachen Olympiasieger im Marathon, Waldemar Cierpinski, der morgen 50 wird. Was er mir mit den Goldläufen von Montreal 1976 und Moskau 1980 schenkte, war genau der Stoff, aus dem man Reportagen machen kann. Für mich lebenslang unvergesslich, und, das glücklicherweise, für Millionen andere Waldemar-Freunde auch.

Im kanadischen Olympiaort riss es mich vom Reporterplatz, denn, "wenn man stehend sich verbeugt, wird die Verbeugung tiefer", und aus dem Moskauer Stadion rief ich nach Hause "Väter, haben Sie Mut! Nennen Sie ihre Neuankömmlinge Waldemar! Waldemar ist da!" Gut, könnte man meinen, alles Schnee von gestern, und längst floss in Spree und Saale viel beruhigender Baldrian die Zeitströme hinunter. Richtig. Doch weil gerade dieses Gesprochene von millionen Reportersätzen aus fünf Jahrzehnten blieb, überlebte, darf man, muss man - mindestens - nachdenklich werden.

Ich stand auch stramm vor Zatopeks, Schurs, Recknagels, Cassius Clays und Katarina Witts Höchstleistungen. Ich verehre bis auf den Tag alle, die mir Reportagechancen boten, und die ich durch den Weltsport kennenlernte. Alle, Sieger und Verlierer. Dennoch: mit Waldemar ist und bleibt es Besonderes. Bestimmt spielt dabei auch das legendenumwobene des Marathons eine Rolle. Ebenso die spektakuläre Tatsache, dass Waldemar nach Äthiopiens Doppelsieger Abebe Bikila (Rom 1960 und Tokio 1964) der andere, zweite Einzigartige wurde und blieb, dem das gelang. Ganz speziell aber auch das: mit Cierpinski siegte zwei Mal ein Langstreckler über die historischen 42,195 km, den Nurmi-Format kennzeichnet. So wie einst der schweigsame Finne blieb Waldemar immer ein Mann für Jedermann. Ruhig, zurückhaltend, besonnen, alltagsfreundlich und bescheiden. Trotz - oder wegen? - aller Erfolge.

Die begleiten ihn auch heute. Nach schwierigem Beginnen, nach hunderten kleinen und größeren Widrigkeiten wuchs Waldemar Cierpinski über Halle hinaus zum erfolgreichen Geschäftsmann. Vier Sportartikelläden, davon ab Oktober mit rund 2500 Quadratmetern Angebotsraum der größte im deutschen Osten, zeugen vom beruflichen Können und bieten ein paar Dutzend Familien Ein- und Auskommen.

Cierpinskis Laufbahn, sein Lebensweg vom kleinen anhaltinischen Neugattersleben in die Arenen der Welt, beweist und erinnert auch noch an Wesentliches, was dem heutigen Sport mehr und mehr verloren geht. In Halle fand er mit Walter Schmidt nicht nur einen ausgezeichneten Trainer und väterlichen Freund, sondern zudem komplette, fast ideale Bedingungen und eine Elitegruppe, wie anno 2000 keine mehr im deutschen Langläuferbereich zu entdecken ist. Schildhauer, Kuschmann, Lautzschmann, Heilmann, Wille, Seibt, Kase, Arnhold, Franke, Bibernell, Wartenberg, Koitsch, und ..., darunter Weltklasseläufer und Rekordler, die fast alle Heutigen - bis auf geringe Ausnahmen - beschämen.

Waldemar wurde und bleibt deren Galionsfigur. Ob es allerdings in einer satten Gesellschaft im neuen Jahrhundert gelingen kann, junge Menschen zu überzeugen, sich ähnlich zu quälen und zu schinden, sich tagtäglich selbst zu besiegen, bleibt mindestens zweifelhaft. Auch, ob Cierpinskis aus solch Gewesenem noch Signale setzen können. Deren Ruhm, diese Waldemar-Taten jedoch verlieren dadurch nicht an Wert. Niemals. Patina wächst mit den Jahrzehnten, und verdientes Gold glänzt ewiglich.

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