Sport : Walnüsse oder Zweite Liga? "Dieser Modus ist unmenschlich"

MICHAEL ROSENTRITT

Energie-Trainer Geyer vergißt in der Euphorie des Aufstiegs nicht die Realität, denn auch Cottbus hätte es treffen könnenVON MICHAEL ROSENTRITT COTTBUS.Da saß er nun, der Eduard Geyer, in seinem durchschwitzten grünen Lacoste-Leibchen, das er zu jedem Spiel seiner Energie-Elf unter der Trainingsjacke trägt.Doch diesmal war doch alles ein bißchen anders.Es war schließlich auch ein besonderes Spiel, das wichtigste in der Vereinsgeschichte des FC Energie Cottbus.Seit zwanzig Minuten nämlich stand fest, daß seine Mannschaft nach einem wahrlich hart erkämpften 3:1-Sieg über Hannover 96 im heimischen Rund in die Zweite Bundesliga aufgestiegen ist. Irgendeiner hatte dem "Ede" plötzlich ein Bier vor die Nase gesetzt.Und dann baute sich plötzlich vor dem gefeierten Mann auch noch Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt auf, der hinter seinem Mitbringsel, einem überdimensionalem Blumengesteck, gar nicht richtig zu sehen war."Ich bin stolz auf die Mannschaft und auf ihre Leistung.Klasse!" Kleinschmidt verschwand, doch zu einer normalen Pressekonferenz kam es nicht.Hannovers Trainer Reinhold Fanz hatte gerade was von "Glückwunsch den Cottbusern" und "leider haben wir durch den zwölfminütigen Lichtausfall im Stadion unseren Faden verloren", da erhob sich Geyer und sprach mit viel Pathos und verbrauchter Stimme: "Ich bedanke mich bei meiner Mannschaft und dem ganzen Verein, der auch ohne große Fußballtradition diesen Schritt geschafft hat." Befreit vom Singsang der angeschickerten Sponsorengemeinde, die sich wieder ins VIP-Zelt verdrückt hatte, fand Geyer doch noch Zeit fürs Pressevolk."Es war viel Gift im Spiel", sagte der Sachse, "doch das war klar, wenn man sich den Modus, nachdem der Aufsteiger ermittelt wird, ansieht.Dieser Modus ist unmenschlich.Schlimmer als im UEFA-Cup.Wenn du da verlierst, hältst du wenigstens die Klasse und stehst nicht wie ein begossener Pudel da." Hannover wird im nächsten Jahr erneut in der Regionalliga Anlauf nehmen müssen.Wieder mit der Schwierigkeit zweier Entscheidungsspiele gegen den Meister der Nordost-Staffel. Während Ministerpräsident Manfred Stolpe auch beim zwischenzeitlichen Spielstand von 1:1 (Hannover wäre damit aufgestiegen) und der Herausstellung des Cottbuser Kapitäns Melzig vom Siegeszug seiner Landeskinder überzeugt war (Stolpe: "Ich wußte, sie schaffen es"), durchlitt Geyer beklemmende Minuten.In der Halbzeitpause brüllte er seinen Mannen ins Gedächtnis: "Es geht um die 2.Liga, nicht um Walnüsse." Geyer bangte."Hannover hatte in dieser Phase einen besseren Lauf.Die haben auch ein paar gute Fußballer", sagte Geyer.Den dunkelhäutigen Otto Addo wollte Geyer am liebsten gleich in Cottbus behalten, obwohl Unbelehrbare dem Stürmer zwei-, dreimal Bananen vor die Töppen geworfen hatten. Bisher hat sich Energie durch zwei Spieler verstärkt.Von Union aus Berlin kommt Gerald Klews und aus Aue Moudachirou Amadou.Dagegen werden bekanntlich Sven Benken (Werder Bremen) und Jens Melzig den Verein verlassen.Geyer weiß, daß Verstärkungen für die Zweite Liga dringend nötig sind."So, wie wir heute, kann man oben nicht spielen.Trotzdem brauchen wir Fußballer mit Herz.Auch wenn sie nicht die begnadetsten Spielertypen sind, aber mit Leidenschaft und Wille ist viel zu bewegen.Wir brauchen jedenfalls keine Abziehbilder." Das wird Geyer auch schon seinem Präsidenten, Dieter Krein, gesagt haben.Denn Krein will am Geyerschen Konzept festhalten: langfristig planen, knapp rechnen.Vom augenblicklichen Kader erhalten "acht bis zehn Spieler 5000 Mark im Monat.Jetzt können wir uns vielleicht zwei Reißer mit 15 000 leisten.Mehr geht nicht.Wir schmeißen hier das Geld nicht maßlos zum Fenster raus, wie man das bei TeBe und Hertha BSC lange Zeit gemacht hat", sagte Krein.Augenblicklich verhandelt er mit möglichen Trikot-Sponsoren."Eine knappe Million wollen wir jetzt dafür schon sehen." Der Etat für die nächste Saison werde sich auf sieben Millionen Mark belaufen.Allerdings hat der DFB das Stadion als noch nicht zweitligatauglich eingestuft.Krein: "Ja, wir brauchen neue Sicherheitszäune und einen Spielertunnel.Nächste Woche gehen die Bauarbeiten los." Das Wichtigste sei erst einmal getan.Das Pokalfinale am 14.Juni in Berlin gegen den VfB Stuttgart sei ohnehin "das leichteste Spiel der Welt", sagte Krein."Selbst wenn uns der VfB die Bude vollhaut, es wird am Sonnabend sehr lustig werden." Doch sollte Energie das Kunststück gelingen, demnächst international spielen zu können, "würden wir ins Olympiastadion gehen", sagte Krein."Ich hoffe nur, daß es nicht zusammenbricht nach dem Pokalfest."

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