Sport : Wandel durch Annäherung

Hertha schlägt den HSV 2:0 – der erste Heimsieg der Saison macht Fans wieder zu Freunden

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Von Stefan Hermanns

Berlin. Fußballfans sind Menschen, die ihr Inneres gerne nach außen kehren. Sie brüllen sich die Seele aus dem Leib, singen und schreien, und manchmal hängen sie auch Spruchbänder mit wichtigen Botschaften im Stadion auf. Gestern im Olympiastadion, beim Spiel zwischen Hertha BSC und dem HSV, hing in der Hamburger Kurve ein Transparent mit dem Text „Jesus heilt“. Es bedarf schon eines kindlichen Gottesglaubens, wenn man Jesus oder anderen Gottheiten auch noch die Verantwortung für die Pflegefälle der Bundesliga übertragen wollte. Besonders der Hamburger SV in der aktuellen Verfassung würde einen kaum zu bewältigenden Aufwand verursachen. Hertha hingegen hat gestern beim 2:0-Sieg vor allem in der zweiten Halbzeit gezeigt, dass die Mannschaft auf ihre Selbstheilungskräfte setzt und keine fremde Hilfe mehr benötigt.

Das 2:0 gegen den erneut kränkelnden HSV war der zweite Bundesliga-Sieg der Berliner hintereinander, es war vor allem der erste Erfolg vor heimischem Publikum, und es war – die Uefa-Cup-Begegnung in Aberdeen inbegriffen – das dritte Spiel in Folge, in dem Herthas Abwehr kein Gegentor kassierte. Überhaupt wurde Herthas Torhüter Gabor Kiraly in den bisherigen sechs Ligaspielen nur fünfmal bezwungen. „Das ist eine ganz gute Ausbeute“, sagte Manager Dieter Hoeneß. „Hinten stehen wir gut, das muss man einfach sagen.“ Auch in den Spielen, die Hertha nicht gewinnen konnte, habe die Ordnung gestimmt.

Die Probleme lagen bisher eher in der Offensive. „Wir haben nach vorne zu wenig Druck gemacht“, sagte Hoeneß. „Das haben wir diesmal verbessert.“ Allerdings fehlte Herthas Spiel häufig die letzte Konsequenz, „der Endpass“, wie Trainer Huub Stevens es ausdrückte. Bart Goor immerhin fand es lobenswert, „dass wir versucht haben, Fußball zu spielen“. In der ersten Hälfte aber blieb es oft beim Versuch. Die größten Möglichkeiten hatten die Berliner nach Freistößen. Nicht ganz unerwartet brachte ein Freistoß auch das 1:0. Nach einem Foul an Thorben Marx traf Marcelinho aus 18 Metern zu Herthas Führung (50. Minute), der ersten vor heimischem Publikum in dieser Saison. „Das Tor war Gold wert“, sagte Manager Hoeneß.

Es gab den Berlinern Sicherheit und auch den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurück. Plötzlich funktionierte selbst der Endpass. Vor Goors Treffer zum 2:0, nur zwei Minuten nach dem ersten Tor, hatten der Belgier und Thorben Marx die Hamburger Abwehr mit feinem Doppelpass überlistet. Und als HSV-Verteidiger Michael Baur wiederum nur drei Minuten später die Gelb-Rote Karte sah, war die Begegnung entschieden. „Innerhalb von drei Minuten haben wir das Spiel verloren“, sagte Hamburgs Trainer Kurt Jara. „Wir waren kopflos.“

Auf der anderen Seite klagte Stevens, „dass man gegen zehn Leute noch das eine oder andere Tor hätte machen können“. Doch auch so waren die Berliner recht zufrieden. „Das war ein wichtiger weiterer Schritt“, sagte Hoeneß. „Wir sind auf einem ganz ordentlichen Weg.“ Die Aussage trifft auch auf das zuletzt ein wenig gespannte Verhältnis zum eigenen Anhang zu. „Das war eine Wechselwirkung zwischen Mannschaft und Fans“, sagte Trainer Stevens, der bei Herthas Niederlage gegen Mönchengladbach vor zehn Tagen vom Publikum auf das Heftigste angegangen worden war. Das Publikum habe sich sehr geduldig gezeigt, lobte Hoeneß, geduldig wie die Mannschaft.

Die Fans haben aber auch lange warten müssen. Erst „der dritte Anlauf“ (Stevens) brachte den ersten Heimsieg, der daher für Manager Hoeneß „ein bisschen mehr wert“ war als drei profane Punkte. Auch Kapitän Michael Preetz hob die besondere Bedeutung hervor: „Der Sieg war wichtig, um uns keinen Heimkomplex einreden zu lassen.“

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