Sport : Warten auf den großen Antritt

Ullrich kämpft bei der Tour nicht nur gegen Armstrong, sondern auch gegen Zweifler in seinem Umfeld

Hartmut Scherzer

Gérardmer - Am Samstag konnte Jan Ullrich erstmals ein wenig Stärke gegenüber Lance Armstrong beweisen. Zwar ist er auf der achten Etappe seinem Konkurrenten nicht davongefahren – dafür war der noch nicht so bergige Tagesabschnitt auch nicht geeignet –, doch sein T-Mobile-Team erwies sich als leistungsfähiger als Armstrongs Discovery-Channel-Mannschaft.

Doch wann greift Ullrich an? Diese Frage beschäftigt die Experten nach der ersten Woche der Tour de France. Zu Beginn gab es eine Niederlage im Zeitfahren gegen Armstrong. Und mit den verlorenen Sekunden wuchsen die Zweifel an der angeblich hervorragenden Verfassung des Kapitäns vom T-Mobile-Team. Viele Beobachter glauben nicht an Ullrichs Chance, die Tour zu gewinnen, etwa der ehemalige deutsche Radprofi Rudi Altig. „Ullrichs Entschuldigungen langweilen mich“, sagt Altig. Dabei könne Ullrich von „seiner Klasse her“ die Tour gewinnen, „aber die Mentalität ist das Problem“. Und Belgiens Idol Eddy Merckx hat festgestellt, „dass Jan müde im Kopf ist“.

Müde im Kopf? Nach einer Woche mit Flachetappen, wo kein Experte einen Angriff Ullrichs erwarten konnte? Heute geht es bei der Tour in die Berge. Nach dem Zeitfahren zum Auftakt ist es überhaupt die erste Chance für Ullrich, Armstrong anzugreifen. Zweifel daran, dass er es auch kann, scheinen sie aber inzwischen selbst in seinem Team zu haben. Daran hat auch der starke Eindruck, den Ullrich gestern hinterließ, grundsätzlich nichts geändert. Fährt Alexander Winokurow weiterhin so aggressiv wie bisher, könnte es ein Umdenken bei T-Mobile geben. Ullrich weiß das am besten. Auf diese Weise holte er 1997 seinen Tour-Sieg. Damals bekam er plötzlich in den Bergen das Kommando zu attackieren, weil sein Kapitän Bjarne Riis schwächelte. „Wenn du kannst, fahr los“, rief der erschöpfte Däne seinem Teamkollegen zu. „Bjarne sah die Situation wohl längst klarer als ich selbst“, hat Ullrich in seinem Buch „Ganz oder gar nicht“ geschrieben. „Innerlich hatte Bjarne das Kommando bereits an mich übergeben, nur ich hatte davon nichts bemerkt.“ Jan Ullrich nimmt die Konstellation nach außen hin gelassen. Er sagt zum Beispiel: „Wenn ich nicht noch an meine Chance glauben würde, dann würde ich nach Hause fahren.“ Und: „Wenn Winokurow der Stärkere ist, ordne ich mich unter.“ Dann könnte die Kapitänsrolle getauscht werden, so wie 1997. „Blödsinn“, sagt Rudy Pevenage, Ullrichs persönlicher Berater. „Jan soll die Ruhe bewahren.“ Auch auf den nächsten Etappen. „Jan soll in den Vogesen nicht anfangen herumzuspringen. Hier bereits ans Limit zu gehen, wäre doch Unsinn“, sagt der Belgier. „Die letzte Woche ist die schwerste. Auf die kommt es an.“ Da stehen die Pyrenäen auf dem Plan, vorher geht es ab Dienstag in die Alpen.

Dort will Ullrichs Team wieder mit der Taktik agieren, die gestern erfolgreich war: Andreas Klöden und Winokurow sollen Armstrong mit ihren Angriffen zermürben, Ullrich hält sich zunächst zurück. Bjarne Riis, Chef des CSC-Teams, sieht darin eine Schwäche: „Jan fährt einfach nur mit. Das ist sein Problem“, sagt der Däne. „Er schaut nicht nach links und rechts, er schaut nicht, wie es Armstrong geht, sondern konzentriert sich nur auf sich selbst.“ Es wird auch taktische Gründe haben, dass der jetzige Chef des Mitfavoriten Ivan Basso seinen ehemaligen Teamkollegen so offen kritisiert.

Ullrich hat sich an seine glorreiche Tour 1997 mit Bjarne Riis erinnert und dessen damaligen Physiotherapeuten John Boule für diese Tour engagiert. „Ullrich abergläubisch“, kommentierte daraufhin die französische Sportzeitung „L’Equipe“. Der deutsche Radstar trägt immer noch das Brillenmodell von 1997. Ullrich bekreuzigt sich wie damals, obwohl er kein bekennender Christ ist. Derlei Rituale sind in der Szene nicht unüblich, die Siegchancen des Deutschen dürften sie kaum erhöhen – glaubt auch Rudi Altig. Ullrich habe nicht jene Berufsauffassung, die Armstrong auszeichne. „Jan hat nicht mehr genug Spaß am Radfahren.“

Die Radsport-Legende Eddy Merckx nannte den T-Mobile-Kapitän vor kurzem „einen netten Kerl“ und sagte: „Genau das ist das Problem.“ Denn nette Kerle gewinnen beim härtesten Radrennen nicht mehr, seit Lance Armstrong mitfährt.

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