Sport : Warten auf die erste Machtprobe

FRANK BACHNER

Franziska van Almsick und Gerd Eßer - "eine Trainerbeziehung, die sehr, sehr menschlich ist" VON FRANK BACHNER

Waiblingen.Dieter Lindemann ist 45, er hat Schwimm-Star Franziska van Almsick zu einem WM- und zu elf EM-Titeln sowie zu sieben olympischen Medaillen geführt.Und auch wenn er auch mal nicht karg gestikuliert und eher brummt als redet, wirkt er gesetzt.Gerd Eßer ist 44, er hat graue Haare und die damaligen DDR-Schwimmer Steffen Zesner, Sven Lodzsiewski und Lars Hinneburg zu Europameistern und zu Weltmeistern gemacht - der Gymnasiallehrer steht mit beiden Beinen im Leben.Doch verglichen mit Lindemann wirkt der Coach, seit Herbst Trainer von van Almsick, wie ein strenger, aber fürsorglicher großer Bruder.Warum bloß? Wegen des offenen Gesichts unterm lässig gescheitelten Haar zum Beispiel.Und weil er mit der Freistil-Spezialistin Basketball und Fußball spielt und mit ihr joggt.Lindemann machte so etwas, wenn überhaupt, ganz selten.Vor allem aber begegnet Eßer der Werbemillionärin mit einer Anteilnahme und einer Sensibilität, die sie zuvor nie erlebt hat."Es ist", sagt Franziska van Almsick, "eine Trainerbeziehung, die sehr, sehr menschlich ist.Das ist, was ich gesucht habe.Und das bringt mich auch dazu, weiterzumachen." Sie meint das nicht als Anklage gegen Lindemann.Der Ex-Coach, der sie sechs Jahre lang betreute, war aus ihrer Sicht lange Zeit der richtige.Er führte sie zu Erfolgen und behandelte sie, wie sie sich lange fühlte: als Jugendliche.Er gab Trainingspläne vor, Franziska van Almsick spulte sie ab."Mehr wollte ich nicht" (van Almsick), und so waren beide Seiten zufrieden.Doch die Gymnastin wuchs zunehmend aus ihrer Rolle und wollte die Pläne auch erläutert haben.Aber sie forderte nicht deutlich genug, und Lindemann konnte und wollte sich vom gewohnten Bild nicht lösen.Die beiden lebten sich auseinander, ohne sich völlig zu entfremden.Aber irgendwann ging es nicht mehr. Eßer ist anders.Eßer behandelte die 18jährige von Anfang an ihrem Alter entsprechend.Das ist für Franziska van Almsick bemerkenswerter als für Außenstende, weil sie so etwas nicht gewohnt war.Noch bedeutsamer für sie ist allerdings, daß Eßer über den Menschen Zugang zum Sportler sucht.Er will wissen, wie sie denkt, wie sie fühlt, was sie bewegt.Dann kann er Blicke, Worte und Gesten einstufen.Dann, sagt Eßer, kann man die Reserven herauskitzeln, die den absoluten Leistungshöhepunkt ermöglichen."Sag mal, wie du die bisherigen Jahre empfunden hast", fragte er sie mal im Dezember, und sie legte einen bemerkenswert großen Teil ihrer Seele offen nach nur vier Wochen Zusammenarbeit.Sie reden über ihren Geschmack bei der Wohnungseinrichtung genauso wie über ihre Wehwehchen oder ihre Probleme mit der Schule und ihre beruflichen Vorstellungen. Nach drei Monaten Zusammenarbeit bespricht Franziska van Almsick Dinge, die sie nach sechs Jahren mit Lindemann nicht beredet hat.Inzwischen, sagt Franziska van Almsick, "braucht er mich nur noch anzusehen und weiß dann, was mit mir los ist.Und reagiert darauf." Nur das Thema Lindemann ist eigentlich keines in ihren Dialogen.Franziska van Almsick sieht keinen Anlaß, groß darüber zu reden, und Eßer ist auf Informationen über das frühere Training kaum angewiesen.Er pflegt, wie jeder Trainer seiner Güteklasse, ohnehin einen eigenen Stil, und zu Lindemann hat er maximal ein "kollegiales" Verhältnis.Eßer erläutert Franziska van Almsick, der 18jährigen, alle Traininspläne und -maßnahmen.Damit stillt er ihren Informationsdurst und reizt sie zugleich zu aktiver Mitarbeit. Doch noch läuft eine Art Testphase.Noch gab es keine jener Machtproben, die sich van Almsick eigentlich permanent mit Lindemann geliefert hatte.Einerseits traut sie sich bei Eßer noch nicht so recht ("Er ist sehr verständnisvoll, da gibt es eine Schwelle"), andererseits testet die 18jährige auf diese Art und Weise ihre Selbstkontrolle.Nur einmal hat es bisher ein bißchen gekracht, und danach hatte sie wieder eine neue Erfahrung gemacht.Eßer zwang sie, das Problem auszudiskutieren."Bei Lindemann", sagt Franziska van Almsick, "herrschte nach einem Streit zwei Tage lang Funkstille, und danach hat man so getan, als sei nichts geschehen.Das konnte so nicht weitergehen."

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