Sport : Warten auf die Welt

Der Deutsche Fußball-Bund nimmt eine Auszeit – und diskutiert über einen Trainer aus dem Ausland

Robert Ide

Berlin - Am Sonntag herrschte beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) vor allem ein Gemütszustand vor: Ratlosigkeit. Die wichtigsten Funktionäre des Landes hatten ihre Mobiltelefone abgeschaltet. Und wenn sie doch zu erreichen waren, sagten sie Sätze wie: „Wir sollten jetzt abwarten.“ Oder: „Wir brauchen keinen Schnellschuss.“ Oder: „Die Situation muss nun in aller Ruhe analysiert werden.“

Mit der Absage des zweiten Wunschtrainers innerhalb von zehn Tagen – am vergangenen Donnerstag lehnte der ehemalige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld ab, am Samstagabend schließlich der griechische Nationaltrainer Otto Rehhagel – muss der DFB mit seiner Suche nach einem Bundestrainers von vorne beginnen. Die für diese Aufgabe beauftragte Kommission entschied sich am Sonntag deshalb für eine Auszeit. „Wir müssen in Ruhe neu nachdenken“, sagte Werner Hackmann, Präsident der Deutschen Fußball-Liga, dem Tagesspiegel. Gemeinsam mit dem DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, dem amtierenden Verbandspräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und dem Cheforganisator der WM 2006, Franz Beckenbauer, soll er den neuen Bundestrainer finden. „Wir hatten uns so sehr auf Rehhagel versteift, dass keine anderen Gedanken Platz hatten“, sagte Beckenbauer am Wochenende resigniert. „Wir müssen jetzt Platz schaffen für neue Gedanken.“ Auch Hackmann räumte Versäumnisse bei der Suche ein: „Es war vielleicht ein Fehler, sowohl bei Hitzfeld als auch bei Rehhagel nur auf eine Person gesetzt zu haben.“ Einen ausländischen Trainer hält Hackmann jetzt für möglich – „wenn der gut Deutsch spricht“.

Ein Bundestrainer, der nicht Deutscher ist, wäre ein Novum. In den Beratungszirkeln der Funktionäre reift langsam der Gedanke, diesen Versuch zu wagen. Der designierte neue DFB-Präsident Theo Zwanziger, der künftig gemeinsam mit Mayer-Vorfelder den Verband aus der Krise führen soll, hat eine ausländische Lösung öffentlich in Erwägung gezogen. „Wir sind ein offenes Europa, wir sind für alle offen“, sagte er am Wochenende. Voraussetzung für einen solchen Trainer seien aber anerkannte fachliche Qualitäten und die Beherrschung der deutschen Sprache. Beides vereint Guus Hiddink, der neue Favorit vieler Entscheidungsträger. Der Holländer hatte bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren die Gastgeber aus Südkorea überraschend ins Halbfinale geführt – und war in seinem Gastland ähnlich bejubelt worden wie Rehhagel jetzt in Griechenland.

Neben Hiddink, der beim PSV Eindhoven unter Vertrag steht, ist auch der dänische Nationaltrainer Morten Olsen im Gespräch. Er gab öffentlich zu verstehen, dass er dem DFB bislang keine Absage erteilt habe. Gegen eine ausländische Lösung hatten sich in den vergangenen Wochen jedoch intern wichtige Funktionäre ausgesprochen, berichteten Insider. Die neue Lage könnte jetzt dazu führen, dass das Tabu gebrochen wird. Zusätzlich möglich erscheint eine Reaktivierung von Rudi Völler, der nach der enttäuschenden Europameisterschaft als Teamchef zurückgetreten war. Seit einigen Tagen versucht der DFB, Völler wieder für die Nationalmannschaft zu gewinnen. Vorstellbar ist ein Engagement als Teammanager, der für die Darstellung der Mannschaft in der Öffentlichkeit zuständig wäre und so dem neuen Bundestrainer ein ruhiges Arbeiten ermöglicht.

Auf dem Markt der deutschen Trainer ist es dagegen übersichtlich geworden. Lothar Matthäus, derzeit Teamchef der ungarischen Mannschaft, bietet sich selbst als Alternative an. Auch Beckenbauer sagt, der Rekord-Nationalspieler könne „ein Thema sein“. Doch mancher Funktionär ist nicht davon überzeugt, dass Matthäus den Erwartungen gerecht werden kann. Denn in zwei Jahren findet die WM in Deutschland statt. Und das Land, dessen Fußball-Funktionäre gerade in Ratlosigkeit vereint sind, erwartet nicht weniger als den Titel.

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