Sport : Warten auf Jacques

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Norbert Thomma inszeniert Leipzigs Olympiabewerbung als Stück von Beckett

Am Markt. Eine Bank. Frühlingsabend. Wolfgang (Tiefensee, Oberbürgermeister von Leipzig) sitzt da und schnauft. Jeden Moment soll Jacques (Rogge, IOCChef) kommen, um den Stand der Dinge zu kontrollieren. Klaus (Steinbach, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees) tritt auf.

WOLFGANG beleidigt: Jacques sagte, er würde New York kennen und Paris, aber Leipzig nicht.

KLAUS: Scheißkerl!

WOLFGANG entschieden: Wir sind bereit.

KLAUS: Ob er’s frisst? Den Schwindel?

WOLFGANG müde: Ich habe Angst.

KLAUS erschrocken: Hör auf! Zu Wolfgang gewandt: Alles bereit?

WOLFGANG blickt in die Ferne: Die Protokollstrecke. Unser großer Trick ist die Protokollstrecke. Jacques darf sie keinen Millimeter verlassen. Wir simulieren ihm das Paradies. Schau, wie grau und trostlos die Stadt im April scheint. Erregt. Aber wir haben Videobeamer, die Eichen und Pappelalleen an die Protokollstrecke zaubern. Vier Millionen Quadratmeter Rollrasen sind ausgelegt. Kunstpalmen wuchern ums Stadion. Putzige Zuchteichhörnchen hüpfen in den Kronen.

KLAUS zögernd: Ob er’s frisst?

WOLFGANG: Er kennt Leipzig nicht! Pestbeule! Stinkstiefel. Deine Hand!

KLAUS breitet die Arme Richtung Wolfgang aus: An meine Brust!

WOLFGANG erleichtert: Das Stadion ist echt. Und schön. Echt und schön. Man muss nur wollen. Die Protokollstrecke, was für eine Idee! Dank dir!

KLAUS schaut zum Himmel, seufzt: Wolken. Wenn es regnet, wird Jacques feuchte Füße bekommen. Er mag das nicht.

WOLFGANG: Gleich bedüsen Jagdflugzeuge die Wolken mit chemischem Gemisch, sie zu vertreiben. Am 1. Mai in Moskau hat das immer geklappt. Jubelt. Sieh! Die Wolken – alle weg!

KLAUS: Gehen wir!

WOLFGANG: Wir warten auf Jacques!

Sie rühren sich nicht von der Stelle.

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