Sport : Warten und hoffen

Der Boxverband WBC hat Millionen-Einnahmen – ob Rocchigiani sein Geld bekommt, ist trotzdem unklar

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Von Frank Bachner

Berlin. In der Teilanstalt sechs der Justizvollzugsanstalt Tegel, dem so genannten Wohngruppen-Vollzug, hatte der Häftling von Zelle 153 am Sonntag noch kurz etwas zu sagen. „Ich denke, dass die da bald 31 Millionen Dollar auf mein Konto überweisen. Ich bin zufrieden“, teilte der Berliner Boxer Graciano Rocchigiani einem Vollzugsbeamten mit. Rocchigani, von allen nur Rocky genannt, ist ja jetzt wieder im Gefängnis. In New York, wo ihm eine Jury, in der auch ein New Yorker Feuerwehrmann und ein Highschool-Sportlehrer saßen, 31 Millionen Dollar vom Box-Weltverband WBC zusprachen, hatte er bloß Hafturlaub. 31 Millionen Dollar – da ist der Ex-Weltmeister, dem sie den WM-Gürtel gestohlen haben, zufrieden. Nur: Bekommt er sie denn wirklich, die Millionen? WBC-Präsident Sulaimann hat bereits jammernd verkündet, in der WBC- Kasse seien nur kümmerliche 263 000 Dollar. Und Jean-Marcel Nartz, 20 Jahre lang rechte Hand des Box-Promoters Wilfried Sauerland, sagte der „Berliner Morgenpost“: „Der WBC wird nicht zahlen. Jedenfalls nicht 30 Millionen.“ Sonst, so deutete Nartz an, sei der Verband schlicht pleite.

Nun ja, ein paar Dollar mehr als 263 000 sollten schon in der WBC-Kasse liegen. Der Verband kassiert schließlich viele Millionen. Fünf Prozent der Gesamtbörse von jedem Kampf, den der WBC veranstaltet, fließen in die Kasse. Und unter WBC-Regie boxen die derzeit populärsten beziehungsweise teuersten Boxer der Welt: Lennox Lewis, Roy Jones jr., Oscar de la Hoya. Das Schwergewichts- Duell zwischen WBC-Weltmeister Lewis und Mike Tyson im Juni 2002 zum Beispiel war der teuerste Kampf der Boxgeschichte. Jeder Boxer kassierte angeblich 60 Millionen Dollar, der Anteil des WBC war entsprechend. Der WBC gibt zwar auch Geld aus, unter anderem für durchaus angesehene medizinische Forschungen, aber durch die Expertisen werden kaum die Kassen völlig geplündert. Außerdem kommt ständig neues Geld herein.

Björn Ziegler von der Berliner Kanzlei Hogan & Hartson Raue, einer der Anwälte von Rocchigiani, kann zwar „noch nicht abschätzen“, wie es wirklich um die WBC-Finanzen steht. „Jedenfalls veranstaltet der WBC nahezu wöchentlich Box-Kämpfe in den USA und hat dort teilweise sechsstellige Einnahmen. Wir sind geduldig.“ Hektik ist offenbar nicht nötig. „Wir können bei Gericht sehr weit gehende Befugnisse erhalten, um zu verhindern, dass Gelder verschoben werden“, sagt Ziegler. Schon muss sich der WBC jede Ausgabe von mehr als 5000 Dollar von Rocchigianis Anwälten absegnen lassen.

Die meisten Kämpfe veranstaltet der WBC in den USA, weil dort die TV-Sender HBO und Showtime am meisten bezahlen, und dort können Rocchigianis Anwälte „ohne weiteres Procedere“ (Ziegler) vollstrecken. Auf Kämpfe in den USA in Zukunft zu verzichten, würde dem WBC nichts nützen. Abgesehen davon, dass er dann wirklich pleite wäre, weil der größte Markt wegfiele, „können wir weltweit vollstrecken“ (Ziegler). Voraussetzung: Das Urteil muss in dem entsprechenden Land anerkannt werden.

Der WBC ist volles Risiko gegangen. Die Bereitschaft, das Problem außergerichtlich zu klären, war eher unterentwickelt. Entsprechende Versuche „gingen von uns aus, aber Vergleichsgespräche scheiterten“, sagt Ziegler. Deshalb traten die US-Anwälte Schlam und Dolan vor Gericht auf, „nette, gescheite, vor allem bodenständige Leute“. „Graciano hätte nicht besser vertreten werden können“, sagt Ziegler. Seine Kanzlei hatte sie ausgesucht, als klar war, dass Rocchigiani Anspruch auf Schadenersatz hat und nur noch über dessen Höhe entschieden wurde.

Noch immer steht nicht fest, wann Rocchigiani Geld bekommt. Vor allem aber: Wie viel ihm unterm Strich bleibt, sollte der WBC tatsächlich zahlen. Rocchigiani muss dann seine Anwälte bezahlen (Ziegler: „Natürlich muss Graciano nur zahlen, wenn er auch Zahlungen vom WBC bekommt.“), dann geht noch ein beträchtlicher Teil ans Finanzamt, und natürlich erhält auch seine Frau Christine, von der er getrennt lebt, eine Menge Geld. Sie hatte Rocky zuletzt gemanagt, sie „hat ihn unterstützt, hat mit uns zusammen alle wesentlichen Entscheidungen besprochen und mit uns die Anwälte für die Jury-Verhandlung ausgesucht“, sagt Ziegler.

Da kommt wohl einiges an Ausgaben zusammen. Eine Boulevardzeitung fragte denn auch schon dramatisch: „Bleibt ihm am Ende gar nichts?“ Nun, ein bisschen wird schon bleiben. Aber die nächsten Ausgaben stehen jetzt schon fest: Bald steht Rocchigiani wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt wieder vor Gericht. Da sind dann wieder Anwaltskosten fällig.

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