• Warum der Nationalspieler Tobias Hentschel vom SC Charlottenburg eher nach Hamburg als zum Berliner HC wechselt

Sport : Warum der Nationalspieler Tobias Hentschel vom SC Charlottenburg eher nach Hamburg als zum Berliner HC wechselt

Dietmar Wenck

Diese Geschichte über den Hockeyspieler Tobias Hentschel soll mit einer anderen Geschichte beginnen, die schon dreißig Jahre zurückliegt und auf den ersten flüchtigen Blick nicht so viel mit dem jungen Mann zu tun hat. Aber das täuscht, versprochen! Also, da gab es im SC Charlottenburg eine besonders gute Hockeyspielerin, die hieß Steffi Drescher. Ihr Vater Rudolf war Sportwart, ihre Mutter Inge Trainerin im SCC. Steffi war der Stolz der Abteilung, sie ist bis heute die einzige Hockey-Nationalspielerin, die der Verein hervorgebracht hat, bestritt 81 Länderspiele und wurde 1976 Weltmeisterin. Deutsche Meisterin wurde sie nicht; kann sein, wenn sie zum erfolgreichen, aber ungeliebten Nachbarverein SC Brandenburg gewechselt wäre, dann hätte es geklappt. Aber das wollten Rudolf und Inge Drescher auf gar keinen Fall. Es heißt, sie hätten es ihrer Tochter verboten. Die inzwischen 51jährige Steffi, die immer noch bei den 1. Damen des SCC in der zweithöchsten deutschen Spielklasse mitmacht, beschreibt die Situation weniger dramatisch: "Sie hätten es nicht gern gesehen."

Nun gibt es im SCC wieder einen besonders guten Hockeyspieler, diesen Tobias Hentschel. Der ist so gut, dass er der erste SCC-Nationalspieler wurde und gestern zum 13. Mal im Herrenteam für Deutschland antrat. Bundestrainer Paul Lissek sagt, er sei vom ersten Tag an von dem Jungen begeistert gewesen: "Der hat eine enorme Physis, ist belastbar, ein Kämpfer, den haut nichts um." Nur einen Haken gibt es. Tobias Hentschel spielt mit seinem 18jährigen Bruder Oliver, der vor kurzem auch seinen ersten Länderspieleinsatz hatte, in der Regionalliga. Das ist bei den Herren nur die dritthöchste Klasse, und so was kann ja wohl nicht sein in der Nationalmannschaft. Was läge näher, als zum Berliner HC zu gehen, dem ambitionierten Bundesligisten mit seinen vielen jungen Spielern? Tobias kennt sie gut, geht manchmal mit denen abends auf die Piste. Ein Wechsel kommt trotzdem nicht in Frage. Vater Wolfgang Hentschel, Jugendwart und Trainer im SCC, sagt: "Meine Jungs gehen nicht zum BHC!" Tobias findet das "ein bisschen übertrieben" und bemüht sich, ein Gesicht zu machen, als könne er das schließlich selbst entscheiden. Mutter Steffi Hentschel, die mit 51 Jahren immer noch in der 1. Damen des SCC spielt, weiß nicht, was richtig ist. Sie kennt das alles, denn sie ist natürlich die geborene Steffi Drescher.

Geschichte wiederholt sich hin und wieder, auch Hockey-Geschichte. Die Situation ist dennoch anders heute, verzwickter. Der internationalen Karriere der Mutter schadete die Treue zum Club nicht. Damals gab es noch keine Bundesliga. Bleibt Tobias Hentschel dagegen in der dritten Liga, bleibt er nicht lange im Nationalteam. Aber wer verlässt den Verein, in dem er in zweierlei Hinsicht groß geworden ist, schon leichten Herzens? Alle wissen: Wenn er geht, werden andere folgen, zuerst sein Bruder. Die jahrelange Aufbauarbeit wäre zunichte gemacht.

Lissek übt keinen Druck aus, er hat dem jungen Mann nur klar gemacht, daß er in seiner Entwicklung nicht stehen bleiben darf. Der 20jährige merkt selbst, dass er bei jedem Lehrgang eine Weile braucht, um sich an das höhere Niveau zu gewöhnen. Das ist schlecht. Ihm fehlt der ständige Vergleich mit den Besten, im Spiel wie im Training. Tobias Hentschel trainiert inzwischen die 1. SCC-Herren. Er bemüht sich um Sponsoren, er hilft bei der Suche nach einem hauptamtlichen Trainer. Sein Wunsch ist, dass der SCC im Feld und in der Halle wenigstens erst mal in die Zweite Liga aufsteigt. Die Chancen stehen gut. Aber selbst damit wäre nur ein Zwischenschritt getan.

National drittklassig, international mit der realistischen Chance, im September in Padua Europameister zu werden - Deutschland ist bei der EM Titelverteidiger. Lissek hat derzeit 20 Spieler nach Limburg zum Lehrgang eingeladen. 16 fahren Dienstag zum Turnier nach England, die haben die EM-Teilnahme fast sicher. Weitere zwei dürfen mit nach Italien, also 18. Auch hier stehen Hentschels Chancen gut, sagt der Bundestrainer: "Ich traue es ihm zu, er hat erst mal seine Chance." Genau wie Florian Keller und Tibor Weißenborn, beide vom Berliner HC. Womit wir wieder beim Thema wären, beim Reizthema. Schon in der Jugend waren die heutigen Nationalspieler Konkurrenten. Der BHC wurde dauernd Deutscher Meister, der SCC immerhin mal Vierter, mal Fünfter. Die Rivalität ist groß, besonders vonseiten des ewigen Zweiten, so ist das nun mal.

BHC-Trainer Carsten Keller hat die Hentschels natürlich auch schon angesprochen, wie es denn wäre . . . Wolfgang Hentschel hat gekontert: "Komm du doch zu uns, bring Florian und Tobias mit, du kannst hier bei uns Trainer sein." Die Kellers nicht beim BHC, sondern bei einem anderen Berliner Verein? Eine befremdende Vorstellung. Vater Hentschel sieht das genau so, nur aus SCC-Sicht. "Wenn der Bundestrainer sagt, es muss eine Veränderung geben, hätte ich nichts dagegen. Ich würde doch meinen Söhnen den Weg nicht verbauen", sagt er zwar. Steffi Hentschel glaubt, dann werde Tobias wohl wirklich nach Hamburg ziehen: "Um das ganze Theater zu vermeiden." Sie selbst ist übrigens doch irgendwann noch zum SC Brandenburg gewechselt, mit 48 Jahren, für drei Spielzeiten. Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte.

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