Sport : Warum die Gedanken von Terry Dehere derzeit nicht beim Meistertitel sind

Benedikt Voigt

Als Terry Dehere am Dienstag auf dem Flughafen Tegel am Gepäckband stand, ließ er sich nicht anmerken, wie es ihm wirklich ging. Der US-amerikanische Aufbauspieler von Alba Berlin schulterte seine Sporttasche, wechselte ein paar Worte mit seinem Mannschaftskameraden Wendell Alexis und scherzte vor dem Ausgang noch kurz mit dem kleinen Sohn von Stephan Baeck. Erst als das Taxi ihn vor seiner Wohnung absetzte und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kehrte die Verzweiflung zurück. Terry Dehere geht es so schlecht wie noch nie zuvor in seinem 28-jährigen Leben.

Am Freitagmittag wird sein bester Freund Malik Sealy in New York beerdigt. Der 30-jährige NBA-Spieler starb bei einem Autounfall. "Ich möchte mich von ihm verabschieden", sagt Dehere, "ich habe ihn zuletzt vor einem Jahr gesehen." Doch er muss Basketball spielen, heute (20.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle, live im Deutschen Sport Fernsehen) gegen Bayer Leverkusen im dritten Finale um die Deutsche Meisterschaft. Alba führt 2:0, und es fehlt nur noch ein Erfolg, dann sind die Berliner zum vierten Mal in Folge Deutscher Meister. Dehere jedoch treibt nur eine andere Frage um: Schaffe ich es bis Freitagmittag nach New York? Er sagt: "Ich werde in meinem Leben noch einige Male die Möglichkeit haben, eine Meisterschaft zu gewinnen, "aber Malik wird nur einmal beerdigt."

Terry Dehere ist völlig durcheinander. Am Dienstag wusste er noch nicht, wann ein Flugzeug nach New York fliegt und ob es überhaupt möglich ist, rechtzeitig zur Beerdigung zu kommen. "New York ist sechs Stunden zurück, vielleicht hilft das." Seit vergangenen Sonnabend, als er einige Stunden vor dem ersten Finale von Malik Sealys Tod erfuhr, verbringt er die Nächte am Telefon und redet. Mit seiner Freundin, mit Sealys Mutter, mit Freunden. Über den schlimmsten Fall möchte Dehere gar nicht nachdenken. Dass Alba heute gegen Leverkusen verliert und am Sonntag ein viertes Finale bestreiten muss. Für Terry Dehere geht es heute nicht um den Meistertitel. Es geht darum, endlich zurück nach New York zu kommen. Zur Beerdigung, zur Familie. "Ich brauche Zeit, um alles zu verarbeiten, ich muss so bald wie möglich in die USA."

Schon als er in New York auf eine High School ging, hatte er gegen Malik Sealy gespielt. Später auf dem College bei Seton Hall setzten sie die Duelle gegeneinander fort. Als die beiden bei den L. A. Clippers das gleiche Trikot trugen, besiegelten sie ihre Freundschaft endgültig. "Ich habe einmal pro Woche mit ihm telefoniert", sagt Dehere, "wenn ich jetzt nach Hause komme, ist niemand da, mit dem ich meine Erfahrungen in Europa teilen kann." Seit Januar spielt Dehere für Alba Berlin. Bis dahin hatte er Europa nur einmal für zwei Tage besucht. Nun ist er den fünften Monat in Berlin, und das heutige Spiel könnte sein letztes sein. Endlich. Wie es mit ihm weitergeht, ist Dehere momentan egal. Die Zukunft hat seit Sealys Tod keine Bedeutung mehr. "Wer weiß, was morgen passiert?" Er will in die NBA zurück, doch auch ein weiteres Engagement bei Alba Berlin schließt er nicht aus. Dehere weiß aber: "Es gibt eine Kehrseite: Will mich Alba überhaupt weiter verpflichten?"

Nun will er, nein, er muss nach New York zurück. Doch da ist noch dieses Spiel heute um die Deutsche Meisterschaft. "Ich möchte unbedingt Meister werden, schon für die Jungs", sagt Dehere, "die arbeiten so hart für diesen Titel." Wenn Alba heute gewinnt, wird das die traurigste Feier seines Lebens. Auf dem Spielfeld kann er seinen Seelenzustand gut verbergen, im zweiten Finale kam er sogar auf 18 Punkte. Doch nach dem Spiel fragte er sich: "Wofür ist das alles gut, wenn ich mit niemandem meine Freude teilen kann?" Mit Seton Hall holte er den Titel in der Big East Conference. Die Meisterschaft in Deutschland wäre sein zweiter Titel. Er würde auch in die Lebensauffassung von Terry Dehere passen. Mit belegter Stimme wiederholt er immer wieder denselben Satz: "Ich sehe mich als Gewinner." Seit Sonnabend fühlt er sich als Verlierer.Mehr zum Thema unter

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