Sport : Warum nicht Brasilien?

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Von Christoph Daum

Wer nach einem neuen WM-Favoriten sucht, stößt auf Brasilien. Manche mag das überraschen. Hatte der der viermalige Weltmeister nicht Schwierigkeiten, sich überhaupt für das Turnier zu qualifizieren? Doch gerade der holprige Weg zur WM macht die Mannschaft heute so stark. Trainer Luiz Felipe Scolari hatte seine Startformation ständig gewechselt; er meinte, das außergewöhnliche Können einzelner Spieler werde reichen. Weil aber jeder Spieler versuchte, mit Einzelleistungen zu glänzen, entstand kein eingespieltes, sondern ein verunsichertes Team. Heute haben alle verstanden: Das Ergebnis ist wichtiger als der Unterhaltungswert. Wir werden gegen Belgien eine absolut disziplinierte Mannschaft bewundern können.

Ich hatte das Glück, die Brasilianer im Trainingslager beobachten zu dürfen. Das Fazit: Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Das Team verfügt über die modernste Technik: Per Computer-Animationen werden Spielzüge, Lauf- und Passwege dargestellt, per Video die Spielsysteme der Gegner analysiert. Die Brasilianer sind Detailfanatiker. Sechs Trainer feilen an Kleinigkeiten, bis der Letzte kapiert, was er wann und wo zu tun hat. Sieben Ärzte und Physiotherapeuten kümmern sich um die Spieler, ein Dentist ist auch dabei. Neben modernster Medizin werden auch Naturheilverfahren angewendet. Sogar eine Psychologin gehört zum Team.

Penible Vorbereitung einerseits, Freude und Begeisterung andererseits – die Brasilianer scheinen zu sich selbst gefunden zu haben. Mit Lucio, Edmilson und Roque Junior verfügen sie über die beste Innenverteidigung, Gilberto Silva kann die Rolle von Emerson im zentralen defensiven Mittelfeld übernehmen, Cafu und Roberto Carlos werden sich von der Aussicht auf den Titel beflügeln lassen. Neben Rivaldo können eher offensiv ausgerichtete Spieler wie Juninho und Denilson oder ein eher defensiver wie Vampeta eingesetzt werden. Im Angriff verfügt Scolari neben Ronaldo mit Ronaldinho, Edilson und Luizao über genügend Alternativen. Falls dann noch Torwart Marcos an seine legendären Vorgänger anknüpfen kann, ist der fünfte WM-Titel in greifbarer Nähe. Heute geht es gegen Belgien: ein unangenehmer, aber schlagbarer Gegner.

Der Fußballlehrer Christoph Daum analysiert an dieser Stelle täglich die WM.

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