Sport : Warum nicht Guus Hiddink?

Deutschland sollte sich am eigenen Gegenteil orientieren, denn die nationalen Spielstile sterben aus

Wolfram Eilenberger

Wundervoll! Wir erleben derzeit das beste Turnier in der Geschichte des Fußballs. Enorme Intensität, Offensivfreude, atemberaubende Dramaturgien. Dominiert wird das Ganze von Spielern, die jünger als 23 Jahre sind. Selbst die Schiedsrichterleistungen sind exzellent. Ein Detail, an dem die außerordentliche Qualität dieser EM deutlich wird, ist die Bedeutung der Auswechslungen. Sie entscheiden den Ausgang. Die Leistungsdichte ist so hoch, dass bereits die kleinste Modifikation den Sieg verspricht.

Die deutsche Nationalmannschaft trug zu diesem Fest nichts bei. Dabei hat das Team keinesfalls schwächer gespielt als bei der WM 2002, als Saudi-Arabien, Kamerun, Paraguay, die USA und Südkorea bezwungen werden konnten. Diese legendären Siege wurden mit einem Stil errungen, der zu Recht als „typisch deutsch“ identifiziert wurde. Die Eigenheiten diese Stils sind uns allen vertraut. Manche schätzen ihn sogar.

Natürlich kennt der Experte auch andere Nationalstile (den italienischen, englischen, den argentinischen …). Soweit es Europa und Südamerika betrifft, entwickelten sich diese Fußballstile schon nach dem Ersten Weltkrieg, verfestigten sich mit den ersten Weltmeisterschaften und blieben als Orientierungsgrundlage bis heute unverändert. Wenn, wie zu großen Turnieren üblich, die Stilrhetorik aktiviert wird, sprechen wir allerdings von einem Phänomen, dem seit mindestens 20 Jahren die Grundlage entzogen ist. Es gibt keinen nationalen Fußball mehr.

Das macht die Rede vom Nationalstil aber nicht wirkungslos. Im Gegenteil. Sie wird sogar spielentscheidend. Denn wenn heutige Nationalmannschaften aus Spielern geformt werden, die in sämtlichen Ligen Europas einsatz- und erfolgsfähig sind, dann wird der Auftritt einer Nationalmannschaft dadurch geprägt, welche Verbindlichkeit den faktisch überkommenen Nationalbeschreibungen noch zugemessen wird. Deutschland hat sich hier klar entschieden. In jeder Pressekonferenz beschwor Rudi Völler deutsche Tugenden. Die Mannschaft hat ihn nicht enttäuscht. Wir haben gekämpft. Wir waren diszipliniert. Wir zeigten Mannschaftsgeist. Wir sind erbärmlich gegen ein tschechisches B-Team ausgeschieden. Deutschland ist auf seinen eigenen Stil reingefallen. Mag sein, dass Deutschland einfach keine konkurrenzfähigen Spieler hat, doch daran wird sich für die nächsten zwei Jahre nichts Entscheidendes ändern. Die erschütternde Unbeachtlichkeit unseres Ausscheidens legt jedenfalls die Einsicht nahe, dass der „deutsche Stil“ im internationalen Fußball keine Zukunft hat. Dafür spielt Europa einfach zu gut. Das eigene Spiel gemäß deutschen Tugenden zu organisieren, erlauben sich heute nur noch Mannschaften, denen es bei ihrem Auftritt darum geht, kein Debakel zu erleben. Mannschaften wie Lettland.

Es gab bei diesem Turnier überhaupt nur ein Team, das ähnlich nationalstilgetreu auftrat wie wir: Trapattonis gescheitertes Italien. Der anregende Rest entzieht sich bewusst den eingefahrenen Mustern. Und am spannendsten sind die Auftritte bislang dort, wo es der jeweilige Landesverband gewagt hatte, einen ausländischen Trainer auf die Bank zu setzen, der für das Gegenteil des Nationalstils stand. Rehhagel in Griechenland, Eriksson in England, der oberfeldwebelhafte Scolari in Portugal. Eine Zukunft für stagnierende Teams liegt offensichtlich im Mut zur Kreuzung des Eigenen mit seinem entferntesten Widerpart. Das eindrücklichste Beispiel bietet hier Südkorea. Ehemals als „die Deutschen Asiens“ klassifiziert, erlebten sie bei ihrer Heimat-WM unter Trainer Guus Hiddink eine vollkommene Transformation ihrer Selbstbeschreibung.

Guus Hiddink, den Namen kann man jetzt, da die deutsche Trainerfrage entschieden ist, gleich noch einmal schreiben. Niemand hatte diesen Namen auf der Liste. Ihn öffentlich auszusprechen, hätte vermutlich einen Empörungssturm ausgelöst. Ein Holländer bereitet uns auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land vor. Ungedacht. Undenkbar. Tabu! Stattdessen folgt mit Ottmar Hitzfeld nun ein Trainer, den das gesamte Land als „logische Konsequenz“ freudig begrüßt. Es stimmt, Hitzfeld ist die logische Wahl. Nur ist es bei der Logik so: Was logisch folgt, steckt immer schon in den Prämissen. Und die Prämisse, die auch diese mutlose und kontinuitätsbetonende Entscheidung bedingt, besteht zweifellos darin, dass unser Stil eine Zukunft hat.

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