Sport : Warum so euphorisch?

In Polen wird das 1:1 gegen Russland wie ein Sieg gefeiert. Dabei brauchen die Gastgeber einen Sieg gegen Tschechien, um weiterzukommen.

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War das jetzt gut?
War das jetzt gut?Foto: AFP

„Ja, ja, ja – Remis!“

jubelte eine Warschauer Zeitung auf ihrer Titelseite

Der Tag nach dem Duell zwischen Polen und Russland begann in Warschau mit Dauerregen. Auch Mutter Natur wollte offensichtlich, dass sich die Gemüter ein bisschen abkühlten. Dazu hatte auch das 1:1 (0:1)-Unentschieden beigetragen, welches beiden Kontrahenten gute Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale beließ. Die Wertung der abwechslungsreichen 90 Minuten fiel in Polen euphorisch aus. Einheimische Tageszeitungen feierten das Remis, mit dem Polen auch im fünften Vorrundenspiel seiner EM-Historie sieglos blieb, als Erfolg. „Jungs, wir danken euch!“, schrieb die Zeitung „Fakt“. Die „Gazeta Stoleczna bejubelte das Unentschieden: „Ja, ja, ja! Remis“, die „Gazeta Wyborcza“ wähnt die polnische Mannschaft bereits im Viertelfinale: „1:1 – wir spielen weiter!“ Und die „Rzeczpospolita“ fasste zusammen, wie die meisten polnischen Fußball-Anhängern gefühlt haben dürften: „Die Hoffnungen sind zurück.“

Ein bisschen Motivation können die polnischen Fans genauso gut gebrauchen wie ihre Nationalspieler. Im abschließenden Gruppen-Endspiel am Sonntag in Breslau gegen Tschechien hilft den Polen nur ein Sieg weiter. Schon bei einem Unentschieden würde die Heim-Europameisterschaft für Polen nur noch am Fernseher stattfinden. Dieses Problems scheinen sich die Polen bewusst zu sein. „Es ist noch alles drin. Wenn wir gewinnen, dann stehen wir im Viertelfinale. Theoretisch gesehen hätten wir dann unsere Erwartungen erfüllt“, sagte Jakub Blaszczykowski, der den wichtigen Ausgleichstreffer mit einem Gebet gen Himmel bejubelt hatte. „Natürlich wäre es uns lieber gewesen, das Weiterkommen schon frühzeitig klarzumachen, aber wir haben noch alle Chancen. Das letzte Spiel wird ziemlich interessant. Ich kann das Finale kaum erwarten.“ Mit einer Mischung aus Können und purem Willen hatte der polnische Kapitän den Ball nach einer knappen Stunde mit dem linken Fuß ins Tor gedroschen.

Polens Rechnung ist einfach. Wer dem ernüchternden 1:1 gegen Griechenland ein Remis gegen den Geheimfavoriten Russland folgen lässt, muss keine Angst vor Tschechien haben. „Es wird besser und besser. Das Spiel heute hat bewiesen, dass wir gut genug sind, um gegen die Tschechische Republik zu gewinnen“, meinte Franciszek Smuda. „Wir glauben an uns und an das Viertelfinale.“ Polens Trainer wird seine Mannschaft wohl auf mindestens einer Position verändern. Ersatzkeeper Przemyslaw Tyton muss trotz fehlerfreier Leistung gegen die Russen für Wojciech Szczesny Platz machen. Die etatmäßige Nummer eins hatte nach einer Roten Karte im Auftaktspiel gegen Griechenland gegen die Russen gesperrt aussetzen müssen. Zudem sind einige polnische Spieler angeschlagen, das sehr laufintensive Spiel der Mannschaft hat bereits in den ersten beiden Spielen des Turniers viel Kraft gekostet. „Wir brauchen dringend die drei Tage Erholung“, gab Smuda zu.

Auftrieb für ihr dynamisches Spiel erhielten die Polen auch durch das im Gegensatz zum EM-Auftakt diesmal geöffnete Dach im Nationalstadion von Warschau. „Es war nicht so schwül. Nach dem Griechenland-Spiel waren in der Pause gefühlte sechs Liter Schweiß in meinem Trikot“, sagte der Ex-Bremer und Neu-Stuttgarter Sebastian Boenisch „Es war nun viel angenehmer. Es hat im Hals nicht so gekratzt.“

Bei den Russen war das aber vielleicht der Fall. In der Mixedzone blieben fast alle Akteure ein Statement schuldig – selbst gegenüber den russischen Medienvertretern. Lässig und teilweise essend schlurften die Kicker in Richtung Mannschaftsbus. Die Botschaft der Russen, die gegen Polen nach der Führung durch den nunmehr dreifachen EM-Torschützen Alan Dsagojew wohl nicht alles zeigten, war jedoch unmissverständlich: Mit ihnen muss man bei diesem Turnier rechnen.

„Wir haben das erste Spiel 4:1 gegen Tschechien gewonnen, aber gegen Polen war es ein Auswärtsspiel. Und wir müssen einfach akzeptieren, dass Polen ein wunderschönes Ausgleichstor geschossen hat“, sagte Russlands niederländischer Trainer Dick Advocaat. „Wenn man objektiv ist, muss man anerkennen, dass beide Mannschaften hart gearbeitet haben, aber Russland hatte mehr Ballbesitz und Chancen. Ich denke, dass wir die bessere Mannschaft waren.“

Gegen Griechenland am Sonnabend in Warschau ist Russland als Tabellenführer der Gruppe A prädestiniert für das Weiterkommen. Aber im Falle einer Niederlage könnte es auch für den Gruppenfavoriten noch eng werden. Dann könnten selbst die bislang so enttäuschenden Griechen noch in die Runde der besten acht Mannschaft des Kontinents rutschen. Sollte es Smudas polnische Mannschaft nicht in die nächste Runde schaffen, werden die Schlagzeilen wohl weniger euphorisch ausfallen.

Selbst die starken Russen könnten am Sonnabend

noch ausscheiden

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