Was bleibt von Olympia? : Schönrednerei: Die 16. Disziplin der Winterspiele

Der georgische Rodler Kumaritaschvili stirbt, doch die Organisatoren loben die Bobbahn. Und: Ein Handschuh als Emblem des kanadischen Patriotismus. Die Bilanz von Christof Siemes.

Christof Siemes

The Whistler Sliding Centre: Bilder durch die Gegend fliegender Rodler und Bobfahrer waren der rote Faden dieser Spiele. Kein Tag, an dem nicht irgendein Bob kopfüber den Eiskanal hinabrauschte, mit den Integralhelmen der toppheister hängenden Fahrer als Kufenersatz. Kein Tag, an dem nicht irgendeiner der Athleten in der Plastikpelle hilflos auf dem Allerwertesten mit weit mehr als 100 Stundenkilometern zu Tal trudelte. "Wir sind stolz auf die Schlüsselrolle, die die Bahn während des Trainings und der Wettkämpfe gespielt hat, und wir sind zuversichtlich, dass das Whistler Sliding Center in den nächsten Jahren eine blühende Zukunft haben wird." Hallo?! Hat da jemand den Schuss nicht gehört? Erst dachte ich, jemand hätte eine gefälschte E-Mail im Namen des Organisationskomitees der Spiele verschickt, aber es ist Cathy Priestner Allinger, der VANOC-Vizepräsidentin für den Sport, blutig ernst mit dem Lobpreis der Strecke, auf der der junge georgische Rodler Nodar Kumaritaschvili sein Leben verlor.

Offenbar ist auch am Ende dieser Sturzspiele niemand bereit zuzugeben, dass es sich bei der 104-Millionen-Dollar-Rutschbahn um eine Fehlkonstruktion handelt, 20 Stundenkilometer schneller als geplant, selbst von den erfahrensten Piloten kaum zu beherrschen. Das IOC übernimmt allein die "moralische Verantwortung" und braucht daraus keine weiteren Konsequenzen zu ziehen; der Bau der Bahn wie die Durchführung der Rennen liegt – wie bei jedem olympischen Wettkampf – allein in der Hoheit der internationalen Fachverbände. So lag auch die Entscheidung, ob nach dem Tod des Georgiers überhaupt weitergefahren wird, allein beim Rodelverband. Der wollte die ihm nur einmal alle vier Jahre zuteil werdende weltweite Aufmerksamkeit nicht verschenken und gab die Bahn, um ein paar hastig hingenagelte Sperrholzbretter an der Unfallstelle ergänzt, gleich wieder frei.

Für Olympia gelten halt andere Gesetze: Jeder Schauplatz eines tödlichen Arbeitsunfalls – und was war der Crash des Georgiers anderes? – wird für die Ermittlung der Ursachen und der Verantwortlichen solange gesperrt, bis man etwas über den Tathergang weiß. Die olympische Unfallstelle wurde mit der lapidaren Bemerkung "Fahrfehler und tragische Verkettung unglücklicher Umstände" gleich wieder freigegeben; offizielle Untersuchungsergebnisse wird es nicht vor dem Sommer geben, wenn von Olympia niemand mehr redet.

"Wir haben die Teams befragt, und die wollten weiterfahren", sagt Thomas Bach, der deutsche IOC-Vizepräsident, der die allgemeine Rekordsucht im Sport und den Arenen durchaus kritisch sieht. Was er aber nicht sagt: Dass zum Beispiel der holländische Viererbobpilot Edwin van Calker nach einem Trainingssturz aus Furcht vor der Bahn nicht an den Start ging – und sich dafür sogar von seinem eigenen Trainer verspotten lassen musste. In Extremsportarten werden Bedenkenträger als Weicheier denunziert, damit die Show immer schneller, höher, weiter gehen kann. Vielleicht, sagt Bach, sei die Bahn keine Fehlkonstruktion, sondern die Athleten und ihr Material habe sich so verbessert, dass die Geschwindigkeiten höher seien als prognostiziert. 20 Stundenkilometer schneller nur durch ein paar Muckis mehr in den Oberarmen? So wird Schönrednerei zur 16. Disziplin der Winterspiele.

"Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, Nodars Vermächtnis zu ehren, als dass Athleten jeden Alters und Könnens das Whistler Sliding Centre nutzen und den Rodelsport wachsen lassen", schreibt Svein Romstad, der Generalsekretär des Rodel-Weltverbands. "Die Zukunft dieser Bahn ist glänzend." Wenn das keine Drohung ist.

Die roten Handschuhe: Die "Red Mittens" sind DER Fanartikel dieser Spiele. 2,7 Millionen Paare der Wollfäustlinge, verziert mit dem kanadischen Ahornblatt und den olympischen Ringen, sind bislang verkauft worden; die Olympic Stores können die Nachfrage kaum bewältigen. Der Netto-Gewinn aus dem Verkauf der Sieben-Euro-Teile geht in die Förderung kanadischer Sportler; jetzt werden sie, um mit Franz Beckenbauer zu sprechen, auf Jahre hinaus unschlagbar sein… Die Handschuhe sind zum Emblem des kanadischen Patriotismus geworden, den diese Spiele so sichtbar gemacht haben wie nie zuvor.

Durchaus verwundert beugen sich kanadische Kommentatoren und Gesellschaftskundler über ihre Orgie in rot und weiß. Stolz waren die Kanadier immer auf ihre vergleichsweise junge Nation, ihre traumschönen Landschaften, ihr Eishockey-Team, auf die Integrationsleistung des zweisprachigen Landes, das im Verhältnis zu seiner Bevölkerung seit den 1980er Jahren mehr Einwanderern dauerhaften Aufenthalt gewährt als jedes andere Land der Welt (bei der Volkszählung 2001 waren 18 % der Gesamtbevölkerung Einwanderer!). Aber man zeigte das nicht so – vor allem, um sich vom plakativen Patriotismus des großen Nachbarn im Süden, den USA, zu unterscheiden.

Sogar das olympische Förderprogramm "Own The Podium" (Erobere das Podest) wurde als zu großsprecherisch kritisiert. Was aber nun niemanden daran hindert, quasi minütlich die kanadischen Goldmedaillen zu zählen, die auch minütlich mehr werden (gefühlt zumindest, zur Zeit sind es 13, die meisten aller Nationen), und sich patriotisch zu kleiden, von weißen Gummistiefeln mit roten Ahornblättern drauf bis zur Unterwäsche. Es ist das deutsche WM-Sommermärchen in einer Winter-Version mit anderen Farben. Und zugleich die fröhliche Antwort auf die in der anglo-amerikanischen Welt verbreitete Häme, Kanada sei nett, aber unwichtig. Was macht es da schon, dass die Fäustlinge ganz unpatriotisch in China gefertigt werden?

Historische Pleiten: Seit Samstag mittag ist es amtlich: Österreich ist jetzt eine Rodelnation. Sagen die Österreicher selbst über sich, nachdem ihre Herren in allen alpinen Skiwettbewerben ohne jede Medaille blieben. Eine historische Schmach, vor vier Jahren in Turin waren es noch acht Plaketten gewesen, und selbst beim schlechtesten Abschneiden bislang, 1984 in Sarajewo, gab es wenigstens für einen Herrn Bronze. Nun liegt es uns fern, uns über unser kleines Nachbarvolk lustig zu machen, das besorgen die Österreicher schon selber. Knietief waten die österreichischen Kollegen im Sarkasmus, und die Verantwortlichen suchen nach Erklärungen: Das Wetter, der Schnee, der Druck, die Kontaktlinsen… "Ich bin angezipft", sagt Peter Schröcksnadel, der Präsident des Skiverbandes. "Lauter vierte Plätze. Wenn jetzt wieder wer sagt, das System ist hin, ist das auch ein Schwachsinn, weil mit einem vierten Platz ist das System nicht hin. Quatsch. Es hat uns hier nicht mögen bei den Herren."

Wir wissen nicht, was angezipft auf Russisch heißt, aber auch die Gastgeber der nächsten Spiele sind als Wintersportgroßmacht am Pazifik untergegangen. Nur drei Goldmedaillen bislang (in Turin waren es acht), insgesamt nur 15 Plaketten, dazu eine demütigende Eishockey-Niederlage gegen Kanada – selbst Wladimir Putin zeigte sich not amused. Und wer ist schuld? Die Funktionäre!, schimpft Irina Rodnina, dreifache Olympiasiegerin im Eiskunstlaufen. Korrupt seien sie, säßen in Vancouver und fräßen sich voll, ohne sich von den Niederlagen ihrer Mannschaft den Appetit verderben zu lassen. Die Sportler!, behauptet Gennadij Svets, der Sprecher der russischen Mannschaft. Gerade den Eishockeyspielern hätte man jeden Wunsch erfüllt, außer Frühstück im Bett, und selbst das hätten sie bekommen, wenn sie darum gebeten hätten. Aber dann hätte sich gezeigt, dass sie gegen echte Profis wie die Kanadier chancenlos seien. Woraufhin der Eishockeytrainer Wjatscheslaw Bykow polterte: "Dann lasst uns doch die Guillotine holen! Wir sind ein Team aus 35 Mann, lasst sie uns alle auf dem roten Platz köpfen!"

Die innerrussischen Scharmützel könnten dem Rest der Welt wurscht sein – wenn nicht eine erfolgreiche Heimmannschaft so wichtig wäre für das Gelingen olympischer Spiele. Egal, ob Lillehammer, Sydney, Peking oder jetzt Vancouver – die Stimmung stieg stets proportional zu den Erfolgen der Einheimischen. Wenn die Russen, in den alpinen Kernsportarten der Spiele eh nie erfolgreich, nun auch noch in den anderen Disziplinen schwächeln, dürfte Sotschi so aufregend werden wie Wattepusten bei den Kiemenatmern. Aber vielleicht legen sie ja jetzt rasch ein "Own The Podium"-Programm auf. Im Erobern kennen sich die Russen ja aus.

Platz im Programm: "Im Winterprogramm ist noch jede Menge Luft", sagt Thomas Bach, Deutschlands oberster Olympier. 86 Entscheidungen in 17 Tagen, da bleibt gerade am Ende der zweiten Woche (zu) viel Zeit für Souvenirshopping und Auskurieren der Erkältungen, die man sich beim ständigen Rein und Raus zwischen Eiskunstlauf und Rodeln eingefangen hat. Zum Vergleich: Bei Sommerspielen werden in den gleichen Zeitraum 302 Entscheidungen gequetscht.

Bevor jetzt aber gleich die Schneeschuhwanderer und Hundeschlittenfahrer den Finger heben und sagen, sie wollen in Sotschi dabei sein, muss die olympische Zeitrechnung berücksichtigt werden: Neuen Disziplinen olympische Weihen zu verleihen, dauert bis zu sieben Jahre. Schneller geht es, einzelne Wettkämpfe in bereits etablierten Sportarten einzuführen. Gegrübelt wird zur Zeit über eine gemischte Biathlonstaffel, irgendeine Mannschaftsentscheidung im Bobfahren, Skispringen und Nordische Kombination für Frauen. Wenn es so käme, wären Frauen und Männer bei Winterspielen endgültig gleichberechtigt. Voraussetzung: Dass es weltweit genug konkurrenzfähige Sportlerinnen in diesen Disziplinen gibt. Und dass der IOC-Präsident Jacques Rogge seine Abneigung gegen Dameneishockey überwindet.

Denn spätestens seit dem 18:1 der Kanadierinnen gegen die Slowakinnen (die ihrerseits in der Olympiaqualifikation 82:0 gegen Bulgarien gewannen) findet der IOC-Boss, bei solchen Kräfteverhältnissen handele es sich nicht um Sport, sondern um eine Farce. Wenn sich das nicht bald ändern würde, fliegen die Mädels eben wieder raus, die ohnehin erst seit 1998 mitmachen dürfen. "Olympischer Sexismus" heißt nun der Vorwurf, niemand kam ja auf die Idee, nach dem 8:2 der Kanadier gegen die deutschen Männer oder dem 6:1 der Amerikaner gegen die Finnen den Wettbewerb der Machos in Frage zu stellen. Vorschlag zur Güte: Rogge sollte die Sache von Angesicht zu Angesicht mit dem stärksten Gegenargument austragen. Das heißt Angela Ruggiero, ist Verteidigerin bei den Minnesota Whitecaps und mit ihren 86 Kilogramm die schwerste Waffe des Turniers.

Eishockey als Religion: Ohnehin war es unklug von Rogge, sich im Mutterland des Eishockeys über das Spiel mit dem Puck zu äußern. Die Deutungshoheit liegt allein bei den Ahornblättern, und das hat der liebe Gott persönlich so verfügt. Sagt Pastor John Van Sloten von der New Hope Christian Reformed Church in Calgary. "Eishockey ist das einzigartige Produkt von Kanadas göttlicher kultureller Berufung", schreibt der Geistliche in der "Vancouver Sun". "Dieses Spiel ist ein Teil dessen, wofür Gott uns erschaffen hat, ein kulturelles Geschenk, das wir erschaffen und zur Meisterschaft gebracht haben und nun mit der ganzen Welt teilen."

Das finden Sie theologisch bedenklich? Der fromme Mann hat auch die passende Bibelstelle parat. Hat etwa Jesus mit seinen Jungs vor dem Beginn der Erderwärmung auf dem See Genezareth Eishockey gespielt? Teilte Moses das rote Meer mit Puck und Schläger? Nein, Van Sloten zitiert die Genesis, Kapitel 28: "Aber der Allmechtige Gott segene dich / vnd mache dich fruchtbar / vnd mehre sich / das du werdest ein hauffen völcker", wie es in Luthers Übersetzung heißt. Was das mit Eishockey zu tun hat, weiß der HErr allein – und sein Diener Van Sloten. Das Vermehren und Füllen der Erde beziehe sich auch auf das Erschaffen von Kultur. Und ist nicht Sport ein wichtiger Teil der Kultur? Und taten die Kanadier nicht etwas Gutes, Göttliches, als sie das Spiel erfanden, das ihrem kulturellen, soziologischen und geographischen Umfeld am meisten entspricht?

Eine Beweisführung mindestens so elegant wie die Kurven, die Kanadas Eishockeywunderkind Sidney Crosby bei jeder Partie aufs Spielfeld zaubert. Kein Wunder, dass die frommen Kanadier die gottlosen Russen zertrümmerten. Auch das steht schon im Buch der Bücher geschrieben, 2. Chronik 20, 15: "Ihr sollt euch nicht fürchten noch zagen vor diesem großen Haufen; denn ihr streitet nicht, sondern Gott." Aber ist das nicht der eigentliche Fall von Wettbewerbsverzerrung? Welche Trikotnummer hat denn der da oben? Da müssen Sie ran, Monsieur Rogge!

 Zum Schluss – das Wetter: Sich bei einer Outdoor-Veranstaltung wie Olympischen Winterspielen übers Wetter zu beklagen, ist in etwa so sinnvoll wie die Wüste zu beschimpfen, dass sie so sandig ist. Natürlich waren die Bedingungen bei manchen Rennen irregulär; ein Bild, das bleibt, sind die Feuerwehrleute, die noch kurz vorm Start des Slaloms der Herren die Strecke mit dem C-Rohr wässern, damit besser zusammenpappt, was zusammengehört. Oben Schnee, in der Mitte Nebel, unten Regen, unter den Füßen ein undefinierbarer Schnee – so der Wetterbericht des US-Skistars Bode Miller, der bei seinem letzten Rennen nach wenigen Sekunden ausschied.

Ist ja nicht so, dass man es vorher nicht gewusst hätte: Selbst Menschen, deren Klimakenntnisse darin bestehen, einen Taschen- von einem Stockschirm unterscheiden zu können, wissen ja inzwischen um den fatalen Einfluss der Kuroshio-Strömung und des Ananas-Express, der warme, feuchte Luft aus Hawaii nach Vancouver pustet. Durchschnittlich regnet es hier an 166 Tagen im Jahr, in den Wintermonaten auch gerne mal 20 Tage am Stück. Die Spiele dauern 3 Tage weniger, es gab eine halbe Woche wie aus dem Bilderbuch – am Ende muss man sagen: Das Wetter war prima.

Und wie wird’s beim nächsten Mal? Da werden die Goldmedaillen unter Palmen und Bananenbäumen vergeben. Und ich rede jetzt nicht von den Sommerspielen in Rio, sondern von den Winterspielen 2014. Sotschi an der russischen Riviera sei berühmt für sein mildes Klima, heißt es auf dem Tourismusportal sochi.de, "das subtropische Urlaubsparadies, voll mit Palmen und schwarzen Stränden". Es regnet im Durchschnitt dreimal soviel wie in Berlin. Aber oben, in den Bergen von Krasnaja Poljana, wo die Ski-Wettbewerbe stattfinden, sei das alles der Schnee von morgen, sagen die Organisatoren. Schauen wir kurz auf die Vorhersage für Sonntag, den letzten Olympiatag: 9 Grad, bewölkt. Die Olympia-Ausrüster sollten sich schon mal über das Design von Badehosen Gedanken machen.

Quelle: ZEIT ONLINE

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