Sport : Was Hänschen nicht lernt, lernt Julia nur schwer

ERNST PODESWA

HAMBURG/BERLIN ."Vielleicht habe ich mich ein wenig zu spät für das Tennis entschieden.Mit 16 hatte ich kurze Zeit überlegt, aus der Schule auszusteigen." Julia Abe (22) hat diesen Schritt nicht gemacht, Tennis weiterbetrieben und ihr Abitur absolviert.Erst mit neunzehneinhalb wagte die Bielefelderin den Sprung auf die Profitour."Es gibt soviele Spielerinnen, die alles auf Tennis gesetzt haben, ohne Ausbildung sind und nun bei Platz 200/300 herumdümpeln.Die spätere Chance zu einem Studium wollte ich nicht aufs Spiel setzen", erklärt sie.

Im Vorjahr erreichte sie in Hamburg als Qualifikantin beim WTA-Turnier nach einem Erfolg über Jana Novotna das Viertelfinale und sprang auf Weltranlistenplatz 146 vor.Zur Erfolgsstatistik 1998 kam der nationale Meistertitel.In diesem Jahr gelang die Steigerung auf die 117.Position.Doch in Hamburg war diesmal in der zweiten Runde Schluß gegen die Spanierin Conchita Martinez und der Absturz auf Platz 170: "Heute mißglückten mir Schläge und Bälle, die im Training hundertprozentig sitzen.Mir fehlen Wettkampferfahrungen und Sicherheit für Spiele gegen Topleute." Ihr Vater Wolfgang Abe, ihr Entdecker und heute noch Trainer, meint: "Was Julia erreicht hat, verdankt sie vor allem ihrem Willen und Ehrgeiz.Fürs Tennis wäre ist vermutlich besser gewesen, wenn sie früher in die Profitour eingestiegen wäre.Aber menschlich hat sie dadurch vielleicht Enttäuschungen vermieden - beispielsweise durch Niederlagen, die manches Talent zur Aufgabe veranlaßten."

Der Weg seiner Tochter ist fast symptomatisch für Werdegang und Probleme talentierter Spielerinnen in Deutschland: Angeleitet und gefördert vor allem auf Vereins- und Landesebene (Nordrhein-Westfalen).Aber nicht mit jener Intensität, für eine internationale Karriere erforderlich wäre.Zum 100 km entfernten Landesleistungszentrum Kamen sei es für eine 14jährige einfach zu weit gewesen.So trainierte sie mit Schwächeren, fast nie mit besseren Mädchen, kam nie in ein zentrales Förderprogramm des Deutschen Tennis Bundes (DTB).

Dagegen sagt Andrea Glass (22), beim Fedcup gegen Japan und beim Turnier am Hamburger Rothenbaum in Abwesenheit von Steffi Graf, Anke Huber und Barbara Rittner die nominelle Nummer eins des deutschen Aufgebots: "Ich hatte eine tolle Förderung in der Jugend." Die Darmstädterin (58.der Welt) verließ mit 16 die Schule und meldete sich 1993 als Jungprofi an.Zuvor hatte sie die inoffizielle Nachwuchs-WM Orange Bowl auf Florida gewonnen und spielte sich auch bei Grand-Slam-Wettbewerben der Juniorinnen weit nach vorn."Ja, wir haben derzeit im deutschen Frauentennis hinter Graf/Huber eine Lücke.Aber Steffi ist eine Ausnahmeerscheinung.Doch zu sagen, dahinter ist gar nichts, ist überzogen.Wir haben Spielerinnen, die gutes Tennis spielen.Das sollte man respektieren und sie nicht immer an Graf messen." Sie unterstützt sie die Auffassung von Damen-Bundestrainer Markus Schur, der ein früheres Einbinden ("Statt mit 16 spätestens mit 14") in zentrale Förderung fordert.Nicht gefallen hat Glass das Zitat Schurs, ihre Generation würde maximal die Top 30 der Welt erreichen."Ich denke, daß ich in diesem Jahr die Top 50 und später die Top 20 erreichen kann." Das Manko der 18 gut ausgestatteten Landesleistungszentren: Sie bieten keine Ausbildung in Schule und Beruf, haben keine Internatsplätze.So wie es im Talentecamp des Nick Bollettieri auf Florida oder beim französischen (in Paris) oder spanischen Verband (Barcelona) mit großem Erfolg gehandhabt wird.Drei regionale (Norden, Süden, Osten) Zentren dieser Art in Deutschland hielt Wolfgang Abe für eine "wünschenswerte Sache."

"Optimal" wäre laut Fedcup-Chef Markus Schur wenigstens eine zentrale weibliche Talenteschule im Bereich des DTB, "aber das ist wegen der Kosten und der Einwände von Eltern, Vereinen und Landesverbänden in unserem föderalen System nicht durchsetzbar.Würde ich so etwas vorschlagen, wäre die Reaktion, ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte." Also muß ein anderer Weg her."Wir müssen in den Landesveränden schon bei den Achtjährigen sichten, sollten sie mit elf im DTB-Kader erfassen und sie mit 13/14 mit Lehrgängen auf die Profitour vorbereiten." In den Glanzjahren von Steffi Graf und Anke Huber habe der DTB "das zentrale Fördersystem vernachlässigt."

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