Sport : Was Herbergers Elf zur Zierde gereicht

Spiele der beiden Nachbarn sind heute Aufreger in beiden Ländern – wie muss das erst in der Nachkriegszeit gewesen sein?

Maarten van Bottenburg

Deutschland gegen Holland – für beide Länder gibt es kein aufregenderes Spiel. Das war nicht immer so. Lange Jahre hatten beide Länder wichtigere Rivalen; Länder, die ihnen näher standen und in denen die eigene Sprache gesprochen wurde. In den Niederlanden war kein Sieg so groß wie der beim Derby der „Lage Landen“, dem Derby der niederen Länder. Als die Niederlande sich durch zwei Unentschieden gegen Belgien für die WM 1974 in Deutschland qualifizierten, hatten schon mehr als hundert Ausgaben dieses Derbys stattgefunden. Dieses Spiel hatte eine ähnliche Bedeutung wie das Länderspiel gegen Österreich für die Deutschen. Die 19 Spiele, die die Niederlande und Deutschland vor 1974 gegeneinander austrugen, brachten bei weitem nicht die Spannung und Emotion mit sich wie die Derbys gegen Belgien beziehungsweise gegen Österreich. Es waren freundschaftliche Duelle zwischen zwei Ländern, die beim Fußball in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur wenig darstellten.

Deutschland drang mit seinem überraschenden dritten Platz bei der WM 1934 in Italien zum ersten Mal in die internationale Spitzenklasse vor, spielte aber vier Jahre später wiederum keine große Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die west- und die ostdeutsche Nationalmannschaft von der Teilnahme an wichtigen Turnieren zunächst ausgeschlossen, bis zum „Wunder von Bern“, dem überraschenden Finalsieg der Westdeutschen über Ungarn bei der WM 1954.

Der „Niederländische Löwe“ war da noch nicht erwacht. Die niederländische Elf wurde während der Weltmeisterschaften 1934 und 1938 zweimal im Achtelfinale ausgeschaltet und konnte sich für alle übrigen Welt- und Europameisterschaften bis 1974 nicht qualifizieren. Ihren dramatischen Tiefpunkt erlebte die Nationalmannschaft, als sie bei den Vorrunden für die EM 1964 vor 45 000 Zuschauern im Rotterdamer Stadion „De Kuip“ durch Luxemburg ausgeschaltet wurde.

Von einer hitzigen Atmosphäre und von Ressentiments, wie sie in Ansätzen nach dem verlorenen Finale von 1974 und dann in voller Breite nach der gewonnenen EM 1988 zwischen den Niederlanden und Deutschland entstand, war 1954 nichts zu spüren. Dabei lag das Ende des von den meisten Niederländern als großes Trauma empfundenen Zweiten Weltkrieges gerade einmal neun Jahre zurück. Der niederländische Sportjournalist Jan Cottaar schrieb 1954, dass Deutschland bei der WM überraschend gut aufgetreten war. Auf die an sich selbst gerichtete Frage, ob Deutschland damit auch tatsächlich die beste Mannschaft der Welt sei, antwortete er, dass das deutsche Team „am besten gegen die Schwierigkeiten eines solchen Turniers gewappnet war“. Trainer Herbergers Elf habe „mit ehrlichen, fairen Mitteln einen Erfolg erzielt, der dieser Mannschaft, die ihre internationalen Kontakte erst seit vier Jahren wiederhergestellt hat, zur Zierde gereicht.“ Er fügte hinzu: „Aber die schönste Fußballmannschaft, die wir in der Schweiz gesehen haben, war außer Frage die ungarische.“

Zwei Jahre später konnten die Niederlande einen sensationellen Sieg verbuchen: ein 2:1 über den neuen Weltmeister im Düsseldorfer Rheinstadion. Die Zeitungen reagierten erfreut, aber verglichen mit späteren Konfrontationen zwischen beiden Ländern eher nüchtern und objektiv. Natürlich schmeckte der Sieg im ersten Spiel zwischen beiden Ländern nach dem Krieg süß: „Die begehrteste Trophäe der Nachkriegsjahre: ein Triumph über den Weltmeister in seinem eigenen Land“, so sah es „De Volkskrant“ und beobachtete „Spieler, die auf Schultern getragen wurden, und hunderte von blau- weiß-roten Flaggen über der Menge“. Auch „De Telegraaf“ berichtete von einer „Welle Niederländer, die springend und tanzend, singend und jauchzend das Land überspülte“. Verständlich: Noch einen Tag zuvor hatte die Zeitung die Ansicht vertreten, dass ein deutscher Sieg auf der Hand lag, wenn man das Leistungsvermögen beider Länder betrachte. Die niederländischen Spieler hatten demnach nicht aufgrund ihrer grandiosen Fußballkunst gesiegt. „Aber sie schmeckten die Genugtuung, eine Mannschaft besiegt zu haben, die auf dem internationalen Fußballmarkt als vollwertig angesehen wird.“ Die Schlussfolgerung, dass die Zeit der beschämenden Niederlagen vorbei sei, erwies sich als voreilig: Holland verlor 1957 das nächste Spiel in Amsterdam 1:2, und 1959 nahmen die Deutschen mit einem 7:0 so richtig Revanche – die höchste Niederlage, die eine niederländische Elf nach dem Krieg verarbeiten musste.

In den Berichten über das erste Nachkriegsspiel zwischen beiden Ländern wurde der Krieg mit keinem Wort erwähnt. Ebenso wenig waren Zeichen von Bitterkeit oder Genugtuung gegenüber den Deutschen in den Kommentaren zu lesen. Das ist bemerkenswert, da kurz nach der Befreiung die Niederlande zum ersten Mal in ihrer Geschichte „einstimmig antideutsch“ waren, wie ein bedeutender Kommentator es formulierte. Diese antideutschen Gefühle wurden jedoch größtenteils hinter verschlossenen Türen geäußert. Die niederländische Bevölkerung und die Medien waren zurückhaltend mit dem öffentlichen Ausdruck von Missbilligung und Misstrauen oder, stärker noch, von Rache und Hass.

Diese Haltung passte zu den – verglichen mit späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – formalisierteren öffentlichen Verhältnissen in der gesamten Gesellschaft. Sie passte ebenso zu dem Spagat zwischen „Profit“ und „Argwohn“, den die Niederländer in ihrer Beziehung zum großen Nachbarland machen mussten. Einerseits waren beide Länder eng miteinander verwoben. Deutschland war der weitaus wichtigste Handelspartner der Niederlande. Darüber hinaus fühlten viele Protestanten eine religiöse Verbindung mit den Deutschen, und das niederländische Königshaus (das „Huis van Oranje“) unterhielt seit jeher enge familiäre Beziehungen zum deutschen Adel. Andererseits bestand in den Niederlanden bereits seit dem 19. Jahrhundert eine besondere Wachsamkeit vor einem zu großen deutschen Einfluss. Bereits bei kleinen Ereignissen empfanden die Niederländer ihre Verwobenheit mit und ihre Abhängigkeit von Deutschland als Bedrohung ihrer nationalen Selbstständigkeit und Identität. Bis 1940 war davon noch keine Rede.Während der preußischen Expansion und im Ersten Weltkrieg blieben die Niederlande aus der Schusslinie, wodurch sie sich Deutschland gegenüber relativ neutral zeigen konnten.

Gerade vor diesem Hintergrund erfuhren die Niederländer den deutschen Einfall 1940 und die darauf folgenden Jahre der Besatzung als gewaltigen Schock. Ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg erklärten 53 Prozent der niederländischen Bevölkerung, die Deutschen unfreundlich zu finden. In den Fünfzigern sank dieser Prozentsatz zwar auf 30 Prozent, aber dennoch assoziierten die meisten der Befragten Deutschland immer noch mit dem Zweiten Weltkrieg. Typisierungen des deutschen Volkes lieferten ein gemischtes Bild: Hauptsächlich wurden die Begriffe „autoritär, ehrgeizig, militaristisch“ genannt, aber durchaus gefolgt von „freundlich, hilfsbereit, sozial“ und „eifrig, hart arbeitend“. In den Sechzigern nannten erneut weniger Niederländer, jetzt noch 20 Prozent, die Deutschen unfreundlich. Nichtsdestoweniger wurde auch zu dieser Zeit Deutschfreundlichkeit beinahe als Charakterfehler betrachtet.

Die Überzeugung, dass Diskriminierung aufgrund von Nationalität, Rasse oder Religion schlecht ist, war in den Niederlanden weit verbreitet – ebenso eine gehörige Portion Feindseligkeit gegenüber den Deutschen. In vielen Wohnzimmern wurde das Bild von „de mof“ – so genannt nach den Handschuhen der deutschen Besatzer, das nationale Schimpfwort für den plumpen, lärmenden und arroganten Deutschen, der sowohl kriecherisch als auch autoritär und militaristisch ist – an die nächste Generation weitergegeben. Diese antideutsche Gesinnung blieb im Allgemeinen aber hinter verschlossenen Türen. Der Fußballplatz war öffentlich und deshalb kein Ort, um solche Gefühle auszuleben. Nach außen hin glichen die Deutschen in gewissem Sinne einem blinden Fleck, denn die Niederländer richteten sich nun sowohl politisch als auch gesellschaftlich vollkommen nach Westen. Laut dem Historiker von der Dunk haben die Niederlande dem Osten noch niemals in der Vergangenheit so extrem die kalte Schulter gezeigt.

In derselben Periode kehrte die deutsche Bevölkerung der Vergangenheit den Rücken, wodurch nur wenige wirklich begriffen, wie groß der Schock des Einfalls 1940 und der darauffolgenden Besatzungsjahre für die Niederlande tatsächlich gewesen war und welches Maß an Sensibilität hierfür noch immer in der niederländischen Bevölkerung bestand. In den Augen der Deutschen lag der Krieg in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bereits lange Zeit zurück, und die veränderte Haltung im Nachbarland wurde durch die neue Politik und die ökonomische Realität gerechtfertigt. Aus deutscher Perspektive wurden die antideutschen Gefühle in den Niederlanden als eine Art Sturheit begriffen, was wiederum das antideutsche Gefühl auf niederländischer Seite weiterhin nährte. „Statt des Büßers spielt man den Beleidigten“, stellte „ NRC Handelsblad“ 1951 in Bezug auf Deutschland fest.

In dieser Situation war nur wenig nötig, um Emotionen überschäumen zu lassen und das Verhältnis beider Länder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verglich 1954 die Niederlande mit einem Minenfeld. Auf offizieller deutscher Seite war man sich dessen ausreichend bewusst und verhielt sich behutsam und zurückhaltend. Trotzdem gab es schmerzhafte Vorfälle, zum Beispiel den mit dem deutschen Ex-Soldat, der lange nach dem Krieg den Niederländern Komplimente über die Schönheit ihres Landes machte, die er „damals“ so zu schätzen gelernt habe ... Auf der anderen Seite führten Flugblätter mit dem Text ,Deutsche nicht erwünscht‘ im Frühling 1954, als die Deutschen zum ersten Mal wieder ohne Visum in die Niederlande reisen konnten, zu einem (teilweisen) Boykott holländischer Produkte in Deutschland.

Weil die Niederlande den Blick auf den Westen richteten und Deutschland in die Zukunft blicken wollte, blieb die Zahl dieser Vorfälle begrenzt. Laut dem Historiker Wielenga handelte es sich um eine unverarbeitete Vergangenheit auf beiden Seiten, mit Erwartungsmustern, die Zusammenstöße beinahe programmierten, aber trotz allem im ersten Nachkriegsjahrzehnt auf ein Minimum begrenzt blieben. Der Fußball jedenfalls blieb größtenteils frei von solchen Gefühlsausbrüchen. Bis zum WM-Finale 1974, jenem 1:2 von München.

Der Autor ist Professor für Sportentwicklung an der Universität Utrecht und Direktor des Mulier-Instituts, Zentrum für sozialwissenschaftliche Sportuntersuchungen in s’Hertogenbosch. Der Text wurde übersetzt von Maike Sommer.

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