Sport : Was künstlich war, wird endlich Kunst (Leitartikel)

Helmut Schümann

Es stellt sich heute zwischen 15 Uhr 30 und etwa 17 Uhr 15 die bewegende Frage: Können Leverkusener leidenschaftlich sein?

Denn in diesen knapp zwei Stunden entscheidet sich das hochspannende Finale um die Deutsche Meisterschaft. Ein Punkt fehlt der Mannschaft, ein einziger Punkt, um dem Klub erstmals in der 96jährigen Vereinsgeschichte den ganz großen Erfolg einzuhauchen.

Schafft es Bayer 04 Leverkusen wieder nicht und gewinnt doch noch der FC Bayern München den Titel, den er ansonsten auch immer gewinnt, so ist das bitter für die Kicker vom Rhein, ändert aber prinzipiell nichts an der Fragestellung. Denn so knapp wie diesmal wären die Leverkusener noch nie gescheitert. Verlören sie, dann hätten sie trotzdem eine Saison lang begeistert und mehr denn je bewiesen, dass sie fähig sind. Es fehlten halt nur noch ein paar Nuancen (vulgo: Glück) zum Triumph.

Der Euphorie sollte das alles keinen Abbruch tun. Nur, geht das zusammen, Leverkusen und Leidenschaft? Ist es nicht ein nahezu rührend vergebliches Unterfangen, beides in Einklang zu bringen? Zunächst einmal ist zu klären, was überhaupt ein Leverkusener ist.

Streng genommen und historisch betrachtet, ist ein Leverkusener gar nicht existent. 1930 war es, als sich die Gemeinden Wiesdorf, Schlebusch, Steinbüchel und Rheindorf zu einem Gebilde zusammenschlossen, um der dort seit 1862 ansässigen Ultramarinfabrik, einem Chemiewerk, Name und Identifikation zu geben. Und weil postalisch, aber auch fußballvereinsrechtlich und gesangstechnisch der Name Betriebssportmannschaft Ultramarin Wiesdorfschlebuschsteinbüchelrheindorf etwas sperrig klingt, wurde ein anderer gesucht.

So entstand Leverkusen, weil der Gründer der Ultramarinfabrik, ein Apotheker, eben so hieß: Carl Leverkus. Es wohnt mithin dem Leverkusener schon von seiner Schöpfung an etwas Künstliches inne.

Womit wir beim Fußball wären, irgendwie. Ist doch in der Bundesliga und darüberhinaus sattsam bekannt, dass Bayer 04 Leverkusen ein Kunstprodukt ist, eher synthetisch als sympathisch. Wovon die gerade seitens der Münchner Bayern und ihrer Anhänger gerne erwähnten Beinamen des Klubs Zeugnis ablegen: Werksklub, Pillendreher, herzlose Geldmaschinerie. Wovon auch der Spielerkader zeugt. Es steht kein Leverkusener darin, zugegeben, auch kein Rheindorfer oder Schlebuscher. Fußballer wachsen eben nicht unbedingt dort, wo sie sollen.

Also müssen sie importiert werden. Oder den lokalen Vorlieben gemäß verkleidet, wie in Dortmund, wo jeder Kicker, der das Ruhrgebiet einmal mit dem Flugzeug überflogen hat, zum Zechenkumpel geerdet wird. Oder wie in München, wo man jeden vormaligen Favela-Bewohner in Lederhosen steckt, auf dass das Publikum sich identifiziere.

Dergleichen haben sie in Leverkusen nicht nötig. Schon allein, weil es Publikum, das sich mit Leverkusen identifizieren möchte, nicht gibt. Zum anderen, weil sie dort vielleicht etwas ehrlicher sind als in anderen Klubs. Da ist zum Beispiel der dicke Manager Calmund, den man so nennen darf, weil er selber nichts beschönigt und etwa eine Zustandsbeschreibung wie "vollschlank" lachend als unangebrachte Höflichkeit zurückweisen würde. Der ist nun auch kein Leverkusener, dafür aber von einer Leidenschaftlichkeit, dass es nur so eine Art ist.

Oder der Trainer Christoph Daum, der noch niemals jemandem vormachen wollte, er sei moderat oder gar konsensfähig. Statt dessen dokumentiert er bei jedem Spiel seinen Mut zum Wahnsinn. Gemeinsam haben sie gar nicht erst nach einer traditionellen Folklore gesucht, weil diese ja auch in Leverkusen nicht zu haben ist. Sie sind einfach durch die Welt gereist und haben mit dem einzigen, was sie haben, die besten Fußballer an den Rhein gelockt: mit Geld. Und einen Hehl daraus haben sie auch nicht gemacht. Und plötzlich stinkt dieses Geld nicht mehr, es zaubert.

So emotionsgeladen wie Bayer 04 hat lange keine Mannschaft mehr aufgespielt. Was künstlich war, wird plötzlich Kunst. Es ist ein wenig wie im Kino, wo uns ein Schmachtfetzen aus Hollywood allemal mehr rührt als der Neo-Realismus der ambitionierten deutschen Produktion. Nun also: Kann ein Leverkusener leidenschaftlich sein? Im Prinzip vielleicht nicht. Aber in Leverkusen agieren heute die besten Leidenschaftsdarsteller. Die haben dafür gesorgt, dass man für Leverkusen, nun ja, nicht gerade Herzblut vergießt, sich aber von dem Verein aufs Trefflichste unterhalten fühlt.

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