Sport : Was macht eigentlich Ihr Handicap, Herr Ribbeck?

Ich bin bei 21, bilde mir aber ein, daß ich auf 18, vielleicht 16 kommen könnte, wenn ich etwas mehr Zeit hätte. Und ausgerechnet jetzt, zur besten Golf-Zeit, müssen Sie mit der Nationalmannschaft zu einem unbedeutenden Fußballturnier reisen, und dann auch noch ins heiße Mexiko. Na und? Ich wäre als Spieler froh gewesen, wenn ich eine solche Chance bekommen hätte. Mir macht Hitze nichts aus. Ich habe früher, wenn ich im Urlaub auf Mallorca war, mittags um 12 Uhr Tennis gespielt, wenn die Spanier siesta gemacht haben. Die haben dann gesagt: "Guck mal, die blöden Deutschen hüpfen in der Sonne rum." Wir haben aber gespielt, bis uns der Schweiß überall runterlief. Das hat uns nichts geschadet. Ich wehre mich ein bißchen dagegen, daß die klimatischen Bedingungen als Entschuldigung herhalten sollen. Wir meinten die Frage persönlicher. Sie, mit einer doch schon respektablen Lebensleistung, mit einem Jahr im Hintergrund, das Ihnen nicht nur Freude gebracht hat, mit einem Turnier vor Augen, das Ihnen vielleicht nicht viel Freude bringen wird. Sagt man sich da nicht schon mal: "Mensch, auf dem Golfplatz auf Teneriffa wäre es jetzt schöner"? Ach was. Ich war gerade 14 Tage auf Teneriffa und habe da auch Golf gespielt. Aber jetzt freue ich mich auf Mexiko. Für mich war sogar die USA-Reise positiv, nicht vom Ergebnis her, aber ich habe wichtige Erkenntnisse gewonnen. Was die Spieler betrifft, wie sie sich verhalten, beim Training und in der Öffentlichkeit oder gegenüber ihren Mitspielern. Auf der anderen Seite ist mir damals auch klar geworden, daß für die Öffentlichkeit alles nur vom Endergebnis abhängt. Über das 0:3 gegen die USA spricht man heute noch. Es gibt für die deutsche Nationalmannschaft eben keine unwichtigen Spiele mehr. Genauso ist es. Ich habe ja nach der USA-Reise gesagt: "Das dürfen wir nicht noch mal machen, und wir werden es auch nicht noch mal machen." Ihnen wird ein spezielles Verhältnis zum FC Bayern nachgesagt. . . Weil ich dort einmal entlassen wurde? Irgendjemand war halt der Meinung, der Verein hätte mit Beckenbauer als Trainer eine größere Chancen auf die Meisterschaft als mit mir. Dann wird man ausgezahlt, muß sich den Mund putzen und gehen. Und nicht gramerfüllt einen großen Bogen machen um diesen Verein. Bierhoff und Kahn sind in Mexiko nicht dabei. Wer bekommt die Kapitänsbinde? Wahrscheinlich Lothar Matthäus. Der verdankt Ihnen sein zweites Comeback in der Nationalmannschaft. Fühlen Sie sich jetzt, da seine Amerikapläne bekannt sind, nicht ein wenig verraten? Warum denn? Der Heinrich spielt in Florenz, der Bierhoff in Mailand und Matthäus vielleicht in New York. Da ist die Anreise zwar etwas länger, aber zu unseren Veranstaltungen treffen wir uns schon ein paar Tage früher. Außerdem wird er in Amerika mehr geschont. Was man hier mit Rotationsprinzip erreichen will, ist dort gegeben. Welchen Stellenwert hat denn Matthäus in der Mannschaft? Es wird kolportiert, daß er Ihnen die Aufstellung diktiert. Das sagen diejenigen, die am Anfang dagegen waren, daß ich ihn zurückgeholt habe. Ich sehe doch, wer was schreibt. Der Lothar hat keinen Einfluß auf die Aufstellung. Er redet ja viel, auch in der Öffentlichkeit, aber er hat einen Charakterzug, der ihn wichtig macht: Er ist absolut sozial eingestellt. Der kümmert sich um die jungen Spieler, nicht aus Eigennutz, um diese hinter sich zu bringen. Wenn Sie jetzt bei ihm anrufen und sagen: "Mensch, Lothar, der Ribbeck hat gesagt, daß Sie hilfsbereit sind", dann kommt der zu Ihnen. Sie kommen doch aus Berlin, nehmen Sie doch den Zecke, Zecke Neuendorf, von Hertha, der hat eine große Klappe, ist so eine Art kleiner Rebell. Aber wer ihn privat kennenlernt, merkt, daß er der der gleiche Typ wie Matthäus ist. Matthäus hat fast soviele Länderspiele wie alle anderen des Mexiko-Kaders zusammen. Was ist denn, wenn diese junge Mannschaft plötzlich großen Erfolg hat? Das würde mir zwar für die nächsten beiden Spiele das Leben schwermachen, aber es ist doch schön, wenn man gute Leute nicht mit der Lupe suchen muß. Ein Sebastian Deisler könnte durchaus Nationalspieler werden. Sie treten der Presse sehr offen und positiv gegenüber. Hat es Sie verletzt, daß es im umgekehrten Fall nicht immer so ist? Nein. Mich würde es nur verletzen, wenn plötzlich einer, den ich für objektiv halte, etwas Negatives schreibt. Aber wenn ich vorher schon weiß, daß einer negativ gegen mich eingestellt ist und dann etwas Entsprechendes schreibt, kümmert mich das wenig. In meinem Alter habe ich ja schon alle Situation kennengelernt. Da trifft es sich doch ganz gut, daß Sie die Berufung zum Nationaltrainer nicht schon 1984 ereilt hat. Als ich 1978 zum DFB gegangen bin, haben viele spekuliert: "Na, da kommt ein Nachfolger für Derwall." Aber ich wollte nach zehn Jahren Bundesliga einfach mal was anderes machen. Aber als es dann 1984 um Derwalls Nachfolge ging, war ich im Topf mit drin. Da ist im Präsidium abgestimmt worden, für Franz Beckenbauer und gegen mich. Also haben wir uns getrennt. Nie habe ich damit gerechnet, noch mal beim DFB zu landen. Wie hat denn DFB-Präsident Egidius Braun Ihre Berufung Ihnen gegenüber begründet? Der Anruf kam vom DFB-Generalsekretär Horst Schmidt. Der hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, der Nachfolger von Berti Vogts zu werden. Da habe ich um Bedenkzeit gebeten, aber nur aus taktischen Gründen, denn für mich stand von vornherein fest, daß ich das machen will. Zwei Stunden später habe ich angerufen und mit dem Präsidenten gesprochen. Der hat mir zu verstehen gegeben, daß ich geeignet sei, aber er hat mir auch gesagt, daß er schon mit Jupp Heynckes gesprochen hatte. Aber der hat ja dann abgesagt. Erich Ribbeck also als zweite Wahl . . . Damit hatte ich kein Problem. Hätte ich die Verantwortung gehabt, wäre ich auch auf Jupp Heynckes gekommen, der hatte die Champions League gewonnen, war damals frei, hatte keinen Verein. Als erstes fällt einem immer der ein, der oben steht in der Tabelle. Als ich bei den Bayern eine erfolgreiche Saison hatte, war ich Trainer des Jahres. Wenn da die Nachfolge ein Thema gewesen wäre, hätten wohl auch alle gemeint, da, der Ribbeck, der kann das machen. Ein halbes Jahr später waren wir nur noch Tabellendritter und ich unter ferner liefen. Das ist Tagesgeschäft. Der Wechsel des Bundestrainers wurde gern mit dem Wechsel des Bundeskanzlers in Verbindung gebracht. Von Helmut Kohl zum Medienkanzler Gerhard Schröder, vom Medienmuffel Berti Vogts zum Medienbundestrainer Erich Ribbeck . . . Über die fachliche Qualifizierung der Herren Kohl und Schröder will ich nichts sagen. Wer aber in der Öffentlichkeit steht, der ist natürlich in gewisser Weise von den Medien abhängig. Ich kann nicht auf die schimpfen, die mich füttern. Wir müssen miteinander sprechen, auch mal was einstecken können. Glauben Sie, Herr Ribbeck, daß Berti Vogts schon bereut hat, daß er dieses Amt zur Verfügung gestellt hat? Vielleicht kann Berti Vogts diese Frage beantworten. Haben Sie mit Vogts jetzt mal gesprochen? Wie haben kurz nach meiner Berufung miteinander gesprochen. Ich habe ihn angerufen und gesagt, daß ich das jetzt mache. Später habe ich nur gehört, daß er sich geärgert hat, weil ich was zu seiner Werbung gesagt habe, wo er so die Füße hochlegt und etwas zur Nationalmannschaft sagt. Ich habe da gesagt, daß ich so etwas nicht machen würde, wenn ich es nicht nötig hätte. Sonst habe ich kein Problem mit dem Berti. Haben Sie zuletzt seine Auftritte als Co-Moderator bei der Frauen-WM gesehen? Ja, ich habe ihn gesehen. Seit der WM 1998 haben wir in Deutschland so etwas wie ein Fußballgewissen - Günter Netzer. Haben Sie den auch schon mal gesehen? Also die Spiele und die Kommentare sehe und höre ich mir nicht noch einmal an. Ich kenne aber Netzers Kommentare von vor meiner Zeit als Teamchef. Er hat die Dinge ziemlich offen angesprochen. Er war aber nie verletzend. Ich schätze ihn schon als Fachmann, der was sieht. Ich habe ihn ja in den USA nach dem 0:3 erlebt. Da war er so am Boden zerstört, sonst wirkt er ja im Fernsehen immer so souverän. Da war er echt fertig, da hat er gesagt: "Die kommt nie mehr hoch, die Nationalmannschaft." Mal angenommen, Sie wären eine unabhängige Instanz - könnten Sie die Entscheidung des DFB nachvollziehen, den Herrn Ribbeck aus dem Exil zurückzuholen? Für mich sprach wohl, daß die Leute mich kannten. Wer mich kennt, der weiß, wozu ich in der Lage bin. Auch als Rentner, der ich ja praktisch schon zwei Jahre war. Aber wer will, kann ja mit mir in den Wald gehen und ein Stündchen laufen. Dann werden wir sehen, wer vorne ist. Das betrifft die körperliche Fitneß . . . Ja, das andere kann ich selbst schlecht beurteilen. Aber wenn man 30 oder 35 Jahre in diesem Job arbeitet, nimmt man keinen Abstand, sondern Anteil. Es ist doch egal, ob ich hier die Bundesliga verfolge oder auf Teneriffa. Da gucke ich mir genauso diese Fußballsendung am Sonnabend an, ran. In Teneriffa ist alles noch eine Stunde eher. Heiner Bremer kommt da schon um elf statt hier um Mitternacht. Da kommt man abends früher ins Bett. Also, ich habe alles mitbekommen. Ich bin ja nicht ausgewandert. Ich habe einfach nur meine Freizeit auf Teneriffa verbracht. Ihr Lebensmotto zu Ihrem 50. Geburtstag hieß: "Wo ich bin, klappt nichts. Aber ich kann nicht überall sein." Das soll heißen, daß ich mich selbst nicht so ernst nehme. Das habe ich beibehalten. Fußball sollte zwar ernsthaft betrieben werden, aber letztlich lebt er nicht von Ernsthaftigkeit. Im Flachs drückt sich aus, wie man miteinander umgeht. Die Fußballersprache kommt heute zu wenig raus, weil wir umgeben sind von Richtmikrofonen. Wenn heute die Spieler behandelt werden würden wie damals zu meiner aktiven Zeit, hätten wir jeden Tag eine Schlagzeile auf Seite eins.

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