Sport : Was man so von Deutschen nicht kennt

Klinsmanns Elf pflegt einen ganz anderen Spielstil als ihre Vorgänger – gibt sich aber umso patriotischer

Michael Rosentritt

Berlin - Christoph Metzelder ist ein gescheiter Sportkamerad. Natürlich ist ihm nicht entgangen, dass es im allgemeinen WM-Taumel, in dem sich das Gastgeberland befindet, Unterschiede in der Wahrnehmung gibt. Während sich die Presse vornehmlich auf die beiden Gegentore aus dem Eröffnungsspiel eingeschossen hat, wirkt die Mehrheit der Deutschen wie berauscht von den vier Toren, die ihre Mannschaft gegen Costa Rica erzielt hat. „Wir brauchen uns nicht zu entschuldigen, dass wir 4:2 gewonnen haben“, bellte Philipp Lahm einem Journalisten entgegen, der gefragt hatte, ob nun die Freude über die vier Tore oder der Ärger über die Gegentore überwiege. Metzelder würde das so nie sagen. Er sagt lieber, dass die Mannschaft sehr offensiv spielt, was nun mal mit einem gewissen Risiko für die Defensive verbunden ist. „Wir pflegen einen Spielstil, den man so von deutschen Mannschaften nicht kennt. Das muss man herausstellen“, sagt Metzelder.

Wenn Christoph Metzelder spricht, dann tut er das gelegentlich im Tonfall eines Regierungssprechers. Er formuliert hübsch, er spricht deutlich, und ganz oft denkt er sich etwas bei dem, was er sagt. Vielleicht wird dem 25-Jährigen auch Angela Merkel im Ohr geklungen haben. Die Bundeskanzlerin hatte bereits vor einer Woche eine neue Form des Patriotismus in Deutschland ausgemacht und gewürdigt. „Der Umgang mit dem eigenen Land nimmt eine schöne Normalität ohne Protzigkeit an“, hatte Merkel gesagt. Da würden Fahnen geschwenkt ohne das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Metzelder fallen ganz ähnliche Worte aus dem Mund. „Wir brauchen ein großes Maß an Patriotismus, um erfolgreich zu sein. Wenn man auf den Straßen sieht, wie viele Deutschland-Fahnen vor den Häusern hängen, dann ist das eine Entwicklung, die überfällig war“, sagt er.

Metzelders Eingebungen wirken wenig zufällig. Vor ihm hatte sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann unaufgefordert dazu aufgefordert gefühlt, dem deutschen Volk für die Unterstützung zu danken. „Das sind Bilder, die auch die Mannschaft registriert“, sagte Klinsmann.

Dem Dortmunder Nationalspieler Christoph Metzelder ist es nicht zu verdenken, dass ihm solche Gedanken vor dem zweiten WM-Spiel der Deutschen am Mittwoch gegen Polen kommen. Dieses vorentscheidende Spiel findet in Dortmund statt. Dass dieser Austragungsort für deutsche Mannschaften nicht von Nachteil sein muss, gilt längst als bewiesen. Spätestens seit November 2001 genießt das Dortmunder Pflaster fast schon mystischen Ruf. Damals bestritt die deutsche Elf das Entscheidungsspiel gegen die Ukraine, das sie 4:1 gewann und sich über diesen Umweg für die WM 2002 qualifizierte. Acht der zwölf in Dortmund ausgetragenen Länderduelle waren Ausscheidungsspiele zu WM- oder EM-Endrunden, und alle Spiele endeten mit einem Sieg der Deutschen. Selbst das bisher letzte Länderspiel in Dortmund im März gegen die USA hatte eine ganz wesentliche Bedeutung. Kurz zuvor hatte die deutsche Mannschaft ein Fiasko in Florenz erlebt, die Stimmung im Team so kurz vor der WM war mindestens angekratzt, das Land steckte gar in einem kollektiven Schockzustand. Dann wurden die USA in Dortmund mit 4:1 geschlagen. Die Hoffnung war zurück.

Für Christoph Metzelder sei es ein „emotionaler Höhepunkt, im eigenen Stadion zu spielen“. Er könne sich „ausnahmslos“ an „begeisternde Spiele“ in Dortmund erinnern. „Ich hoffe, dass wir das auch gegen Polen zeigen können.“ Auf jeden Fall wird die deutsche Elf etwas zeigen, was erstmals im Eröffnungsspiel zu beobachten war. Beim Erklingen der Nationalhymne hatten sich die Spieler gegenseitig die Arme über die Schultern gelegt. Eine bewusste Symbolik, wie Metzelder sagt. „Mit dieser Geste wollten wir zeigen, dass wir für das Publikum, dass wir für unser Land Deutschland spielen.“ Ein noch schöneres Bild sei es nun, „wenn unsere Fans auf der Tribüne dasselbe machen würden wie wir“.

Metzelder wäre nicht der, der er ist, wenn er nur Merkel in der Zeitung läse. „Wenn Per Mertesacker und Christoph Metzelder weiterhin wie ein Denkmal-Paar agieren, wird Deutschland jedes Mal vier Tore schießen müssen“, schrieb etwa der „Guardian“. „Wir können realistisch einschätzen, wo wir stehen“, sagt Metzelder. Ja, man werde sich steigern müssen. Ein wenig mehr Patriotismus auf den Rängen könne nicht schaden. Bei der WM vor vier Jahren hatte die deutsche Elf auf Symbolik verzichtet. Diese WM hatte einen anderen Charakter, sagt Metzelder, jetzt sei man Gastgeber. „Wir möchten nach außen hin dokumentieren, dass wir für unser Land alles geben, und so eine Stimmung erzeugen, die die Mannschaft vielleicht über einen Mangel an Qualität hinweghilft.“ Ein durchaus pragmatischer Patriotismus. Ganz schön gescheit.

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