Sport : Was nun, Jan Ullrich?

Die Möglichkeiten des Radprofis nach der Coast-Sperre

Hartmut Scherzer

Frankfurt. Radprofi Jan Ullrich trainierte gestern in seiner Schweizer Wahlheimat: Berge rauf, Berge runter. Zeit genug, die Gedanken kreisen zu lassen, auch um die eigene Zukunft. Die ist ungewisser denn je, nachdem dem Team Coast, dessen Kapitän Ullrich ist, vom Weltverband UCI erneut die Lizenz entzogen wurde, wie schon vor zwei Monaten. Grund sind säumige Gehaltszahlungen des klammen Essener Textil-Unternehmers Günther Dahms an sein Rad fahrendes Personal. Schon für die am Freitag gestartete Friedensfahrt erhielt Coast (ohne Ullrich) Fahrverbot.

Die erste negative Begleiterscheinung für Jan Ullrich: Die Asturien-Rundfahrt nächste Woche als Auftakt seiner gezielten Vorbereitungsphase auf die Tour de France (Start am 5. Juli) kann der Noch-Coast-Kapitän abschreiben. „Wie sollen wir das bis Dienstag hinkriegen?", fragt Rudy Pevenage, der Sportdirektor und Ullrich-Intimus. Welche Möglichkeiten bleiben dem ehemaligen Tour-Sieger überhaupt noch, um sein Comeback fortzusetzen, das er in den Rundfahrten Sarthe und Aragon, mit dem Sieg bei Rund um Köln und in den anspruchsvollen Rennen Fleche Wallone, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Rund um den Henninger Turm in Frankfurt so vielversprechend begonnen hat?

„Wir kämpfen um die Lizenz und den Erhalt der Mannschaft und hoffen, dass es bis nächste Woche klappt. Wenn nicht, müssen wir uns eine andere Mannschaft suchen", sagt Pevenage ultimativ. Die Rettung des Teams scheint bei den Zahlungsschwierigkeiten von Dahms nur noch durch den italienischen Radfabrikanten Bianchi möglich. Der bisherige Ausrüster von Coast hat bereits die Bankgarantie für drei Monatsgehälter von Jan Ullrich übernommen, um dessen Starts überhaupt zu ermöglichen. Doch Dahms sperrt sich, offenbar aus Furcht vor einer feindlichen Übernahme, gegen Bianchis Bedingungen als Ko-Sponsor. „Herr Dahms ist eine einzige Enttäuschung“, klagt Ullrichs Manager Wolfgang Strohband. Es sei nicht nachvollziehbar, „dass er sich nicht helfen lassen will“.

Kommt kurzfristig keine vertragliche und finanzielle Einigung mit Bianchi zustande, stünde das Team Coast wohl vor der Auflösung, zumal die UCI verschärfte Auflagen für das Essener Team angekündigt hat. „Wir verlangen von Coast jetzt Bankgarantien für das ganze Jahr. Kann Herr Dahms diese nicht vorlegen, bleibt das Team gesperrt“, erklärte Alain Rumpf, der Straßensport-Koordinator der UCI. In Aigle (Schweiz) ist man die permanenten Probleme mit Coast leid. Dahms aber ließ verlauten, weiter um seine Coast-Mannschaft („Mein ganzes Privatvermögen steckt in dem Team“) und gegen die drohende Übernahme zu kämpfen, trotz aller Finanznöte. „Ich gebe nicht auf.“

Ullrich und seine Gefolgsleute hoffen, dass der Deal mit Bianchi noch klappt. „Das ist unser absolutes Ziel. Wir kämpfen darum, dass die Mannschaft zusammenbleibt", sagt Pevenage. „Das wäre die beste Lösung, denn wenn Jan weggeht, bekämen die anderen 20 Fahrer Riesenprobleme", fürchtet Pevenage.

Aber: Keine Einigung, keine Lizenz, kein Ullrich. Der Star würde sich dann eine andere Mannschaft suchen und im Hinblick auf die Tour wohl auch schnell unterkommen – etwa beim Schweizer Team Phonak, das mit dem deutschen Star eine der begehrten Wild Cards zur Tour de France bekommen würde. Die Kollegen von Coast aber stünden bei einer Pleite des Rennstalls auf der Straße.

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