Sport : Was zu beweisen ist

Janine Pietsch will bei der WM zeigen, dass ihr Weltrekord über 50 Meter Rücken kein Zufall war

Andreas Morbach[Montreal]

Janine Pietsch sieht nicht wirklich so aus, als sei sie gerade aus einem Schwimmbecken gestiegen. Zwar geht der Atem der großen, kräftigen Frau noch sichtbar schwer, doch Wimperntusche und Lidschatten hat sie vor dem Rennen so gewissenhaft aufgetragen, dass sie jetzt ohne weiteres direkt in die Oper gehen könnte.

Und es drängt sich der Eindruck auf, dass sie das auch am liebsten sofort machen würde. Oder irgendetwas anderes, das nichts mit Schwimmen zu tun hat. „Eine Medaille wäre schön“, sagt Janine Pietsch beinahe unbeteiligt. „Aber wenn nicht – davon geht die Welt auch nicht unter. Familie, Freund und Freunde sind einfach wichtiger.“ Dann setzt sie hinzu: „Und den Weltrekord habe ich ja schon.“

Der Weltrekord. Völlig überraschend hat ihn Janine Pietsch vor zwei Monaten bei den Deutschen Meisterschaften über 50 Meter Rücken aufgestellt. „Das war einer der schönsten Tage in meinem Leben“, sagt die Bürokauffrau aus Ingolstadt, „aber danach ging es in meinem Alltag ganz normal weiter.“

In dieser Woche hat der Alltag allerdings Pause. Pietsch ist bei den Weltmeisterschaften in Montreal, sie ist die Weltranglistenerste, und plötzlich schauen sie alle dann doch ganz anders an als früher. Auch das Fernsehen hat die 23-Jährige entdeckt. „Das merkt man schon“, erzählt sie. „Ich versuche dann immer, mich aus dem Staub zu machen.“

Es muss wohl so sein, dass die, die sich gerne aus dem Staub macht, ihre Stärken auf einer Kurzstrecke hat. 50 Meter Rücken schafft sie in 28,19 Sekunden. Am Montag ist Janine Pietsch zwei Mal die doppelte Streckenlänge geschwommen, in den Vorläufen über 100 Meter Rücken. „Auf den ersten 40 Metern habe ich mich ganz gut gefühlt, aber nach der Wende kam der Mann mit dem Hammer. Am Ende hat mir die Kraft gefehlt.“ Das Aus im Halbfinale störte Pietsch kaum, sie war froh über den zusätzlichen Tag Pause.

Denn nun kann sie sich heute ganz darauf konzentrieren, zu beweisen, dass ihr Weltrekord im Mai kein Zufall war. Dabei kam die Bestmarke selbst für die gebürtige Berlinerin überraschend: „Ich hatte die WM-Qualifikation innerlich schon abgehakt.“ Weil sie wieder einmal krank gewesen war. Erkältungen, Infektionen, Entzündungen der Nasennebenhöhlen begleiten Janine Pietsch Zeit ihrer Karriere. Und sorgten nicht zuletzt dafür, dass das große Talent, das man ihr stets nachsagte, nie zum Vorschein kam.

Bis zum 25. Mai. Geschwommen war sie in den Wochen vor dem Rekord so wenig wie nie. Wegen der vielen Ausfälle musste Steffen Pietsch, ihr Vater und Trainer, das Übungsprogramm für seine Tochter komplett umstellen. „Ich war deutlich mehr im Kraftraum als im Schwimmbad“, erinnert sich Pietsch. Weil das Training aber in einer gewaltige Leistungssteigerung mündete, haben die Pietschs sich bemüht, diese entspannte Aufteilung auch bei der Vorbereitung auf die WM beizubehalten. Auf jeden Fall hat Pietsch zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum keine gesundheitlichen Beschwerden, und das ist ihr beinahe unheimlich. „Seit dem Rekord bin ich nicht einmal im Maximalbereich geschwommen“, erzählt sie noch beiläufig und stellt kurz vor dem ersten Start auf ihrer Paradestrecke plötzlich erschrocken fest: „Ich weiß ja gar nicht, wie schnell ich bin.“ Heute Abend wird sie es wissen.

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