Wasserball : "Ich will jetzt noch nicht sterben"

Steffen Dierolf hat mehr als 300 Länderspiele bestritten – wegen eines Herzfehlers musste der Wasserballer nun kurz vor Olympia seine Karriere beenden. Bundestrainer Hagen Stamm spricht von einer "menschlichen Tragödie".

Lukas Hermsmeier
Olympische Spiele 2004
Bei der EM Anfang Juli war Steffen Dierolf noch im Einsatz. -Antonio Scorca (ddp)

Am Ende ging alles ganz schnell. Am Montag vor einer Woche kamen die Untersuchungsergebnisse aus Stuttgart. „Nicht sporttauglich“, lautete das Urteil. Für Steffen Dierolf war es gleichbedeutend mit Olympia-Aus und Karriereende, das er umgehend bekannt gab. Bundestrainer Hagen Stamm sprach von einer „menschlichen Tragödie“.

Seit 2000 weiß der Mann vom SSV Esslingen, dass er einen angeborenen Herzfehler hat. Acht Jahre lang gab es keine Probleme. An zahlreichen deutschen Meisterschaften, den Olympischen Spielen 2004 in Athen und zuletzt im Juli an der Europameisterschaft in Spanien nahm er schmerz- und sorgenfrei teil. Mehr als 300 Länderspiele absolvierte er seit 1997. Nach den Olympischen Spielen in Peking wollte er aus dem Nationalteam zurücktreten. Doch soweit kam es nicht. Das Karriereende bestimmte der 32-Jährige nicht selbst. Olympia-Teamarzt Wilfried Kindermann musste diese Entscheidung fällen – für Dierolf ein paar Wochen zu früh. „Die Olympischen Spiele wären der Höhepunkt meiner Karriere geworden“, erzählt Dierolf.

Bei Dierolf wurde eine Vergrößerung des Bulbus, eines Teils der Aorta, festgestellt. Dieser Teil des Herzens hatte einen bedrohlich großen Durchmesser angenommen. Statt vier Zentimeter maß der Bulbus zuletzt 5,9 Zentimeter. Platzt die Schlagader, sind die Überlebenschancen sehr gering. Gefährlich hätte es bei Dierolf „bei einem Puls über 200“ werden können, wie er sagt. Für einen Leistungssportler im Wettkampf kein ungewöhnlicher Wert. Veränderungen stellten die Ärzte vor wenigen Wochen bei einer Routineuntersuchung fest, das Ausmaß wurde erst vor einer Woche bekannt. Die letzte Entscheidung über das Olympia-Aus fiel am Freitag. „Die Zeit dazwischen war das Schlimmste“, sagt Dierolf. „Ich war hin- und hergerissen.“

Als Kindermann und Dierolf der Mannschaft die Entscheidung mitteilten, war die Olympia-Vorfreude verflogen. „Es hat uns wie ein Blitz getroffen“, sagt Bundestrainer Hagen Stamm. Am Samstag fuhr Dierolf zu den Eltern seiner Freundin an den Bodensee. „Ich musste flüchten, um etwas Abstand zu gewinnen.“

Doch das Thema Olympia wird ihn so schnell nicht loslassen. Die Flüge, die der Maschinenbauingenieur für seine Freundin und für Bekannte nach Peking gebucht hatte, müssen jetzt storniert werden. „Die nächsten Tage habe ich viel zu tun“, sagt Dierolf. Und danach? „Erstmal will ich mit meiner Freundin in den Urlaub fahren, danach muss ich mich um meinen Job kümmern.“

Dierolfs Olympia-Teilnahme war lange Zeit fraglich – aber nicht wegen des Herzfehlers, sondern wegen einer langwierigen Schulterverletzung. Zuletzt musste er sich im September 2007 operieren lassen. Doch mit der Perspektive Olympia biss sich Dierolf durch und war trotz drei Operationen innerhalb eines Jahres wieder auf dem Weg zu alter Stärke. Bei der EM in Malaga im Juli war Dierolf wieder im Einsatz. Zwar lagen die ersten Ergebnisse der Untersuchungen schon vor der EM vor, wie dramatisch die Situation war, wusste damals aber noch keiner. „Bei der EM konnte ich noch auf eigenes Risiko spielen“, sagt er. Doch die Ärzte kamen zu dem Ergebnis, dass die neusten Werte ein zu hohes Risiko darstellen. Die Olympia-Teilnahme war nicht mehr tragbar. Trainer Stamm nominierte seinen Sohn Marko von den Wasserfreunden Spandau nach. „Für Marko ist es das Schlimmste, was passieren konnte“, sagt Dierolf. „Ihm wurde Olympia geschenkt, aber er hat sich auch nicht gewünscht, dass ich fehle.“

Dass dieser Schritt der richtige war, zeigen Fälle, in denen Sportler wegen eines Herzfehlers tot zusammengebrochen sind. Der US–Langstreckenläufer Ryan Shay etwa starb im November 2007 während eines Ausscheidungsmarathons für die Olympischen Spiele in New York. Auch auffällig viele Fußballer waren betroffen. Der Kameruner Marc Vivien Foé verstarb 2003 während eines Länderspiels, zuletzt brach der Schotte Phil O’Donnell während eines Ligaspiels tot zusammen. Beim Schalker Gerald Asamoah wurde vor Jahren ebenfalls ein Herzfehler festgestellt, seine Karriere musste er allerdings nicht beenden. Dafür hat der Fall Asamoah dazu geführt, dass Vereine und Verbände dazu verpflichtet sind, beim Fußball einen Defibrillator an den Spielfeldrand zu stellen. Das Risiko sei sonst zu groß. Steffen Dierolf wollte es erst gar nicht eingehen. Er sagt: „Ich will jetzt noch nicht sterben“.

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