Sport : Wasserball: Mission am Beckenrand

Hartmut Moheit

Wer im Duden missionieren sucht, wird fündig: Eine Glaubenslehre verbreiten ... Und ein Missionar ist der Sendbote dafür. "Im übertragenen Sinne trifft das schon auf mich zu", meint Hagen Stamm, "die Mission Stamm im deutschen Wasserball hat bereits begonnen." Fünf nach zwölf - mit dem "Bodensatz der deutschen Sportförderung" als finanzielle Grundlage. "Wir sind als Nationalmannschaft momentan für keinen internationalen Wettbewerb mehr qualifiziert", sagt der 40-jährige Neu-Bundestrainer. Von der berechtigten Sorge umtrieben, dass Wasserball in Deutschland bald den Status von Rollhockey oder Softball einnehmen könnte, übernahm Stamm die schwierige Aufgabe am Beckenrand. Zu viel stand nach der verpassten Olympia-Qualifikation auf dem Spiel, selbst für die nur noch national überragenden Wasserfreunde Spandau 04. Vereinspräsident Stamm musste Sorge haben, das sein Heimatverein durch das Negativ-Image gleich mit in der Anonymität versinken würde. "Ich kann nicht die Versäumnisse der zurückliegenden Jahre ad hoc aufarbeiten, aber eine Vision möchte ich herüberbringen." Wer das sagt, das wissen die Spieler natürlich alle. Es ist eben jener Hagen Stamm, der 321 Länderspiele für Deutschland bestritt, zu den weltbesten Center-Spielern zählte, zweimal Europameister war ... Ein Kämpfer vor dem Herrn!

Zehn Monate gibt sich Stamm selbst, das "versunkene Schiff wenigstens wieder werden zu lassenn", wobei für ihn als Geschäftsführer der Brandenburgischen Fahrrad-Gesellschaft 60- bis 70-Stunden-Wochen keine Seltenheit sein werden. "Egal", sagt er, "meine Frau Renate zieht mit, da geht das schon. Und der Zeitraum ist ja begrenzt." Sein Fahrplan für 2001 steht fest: EM-Qualifikation im März gegen Polen, Weißrussland und Rumänien; bei der EM in Budapest wenigstens Rang neun, um die WM im Juli in Fukuoka spielen zu dürfen; dort wiederum Rang neun, damit von der Sportförderung wieder mehr Geld fließen kann. Über theoretische Pläne verfügten Stamms Vorgänger Nikolai Firoiu und Uwe Sterzig zwar ebenfalls, aber letztlich hatten die Spieler zu ihnen jegliches Vertrauen verloren. Firoiu und Sterzig boten zu viele Angriffspunkte. Wer allerdings der "Galionsfigur" Stamm nicht folgen sollte, der dürfte schwerlich Argumente dafür finden. Zudem besteht die Gefahr, dass im kommenden März die - noch nicht einmal begonnene neue Saison - für alle schon wieder beendet sein könnte.

Wie das verhindert werden soll? Allein mit mehr Training, besserer Vermarktung und Unterstützung durch die Klubtrainer? Sicherlich auch dadurch. Aber das wollten die alten Bundestrainer ebenfalls. Nur, Über missionarische Fähigkeiten verfügten sie offenbar nicht. Wenn, wie bei der chaotisch organisierten Olympiaqualifikation in Hannover, die Spieler jeglichen Glauben an die Hilfe von außen verlieren, helfen Ziele allein nichts. "Wir wollen die EM-Qualifikation nach Berlin holen und zeigen, dass es viel besser geht", meint Stamm, dessen Auswahl zu 40 Prozent aus Berlinern besteht. Mittlerweile kennen alle 30 A- oder B-Spieler ihre Schwächen, an denen sie täglich in ihrem Verein arbeiten müssen. Im Dezember, beim Länderspiel gegen Kroatien in Berlin, wird sich dann zeigen, wer daraus am meisten gelernt hat.

"Von ungarischen Verhältnissen, wo Wasserball ein Volkssport ist und alle Spieler technisch perfekt ausgebildet sind, sind wir Lichtjahre entfernt. Es gibt jedoch hoffnungsvolle Ansätze, dass nicht alles verloren ist", betont Stamm. Bei den Wasserfreunden Spandau 04 sowieso, aber nunmehr auch in Cannstatt, Hamm und Hannover. "Außerdem existiert in Magdeburg sogar wieder eine Wasserballklasse. Im Gegensatz zu den Handballern haben wir ja aus den neuen Bundesländern nichts Hochwertiges übernehmen können."

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