Sport : Wasserball: Wenn der Sohn nicht mit dem Vater

Hartmut Moheit

Henry Thiedke und die Schiedsrichter, das ist eine beinahe unendliche Geschichte. Wehe, wenn der 41-jährige Wasserball-Trainer spürt, dass sein Team durch die Herren mit der Pfeife benachteiligt wird, dann geht der Berliner mit ihnen nicht gerade fein um. So war es jedenfalls in der Vergangenheit, wofür Thiedke auch eine einleuchtende Erklärung hat: "Das sind doch alles Leute, die diesen Sport nie leistungsmäßig betrieben haben. Der Unterschied zwischen einem Stürmerfoul durch den Centerspieler und einem Regelverstoß durch den Centerverteidiger ist für die meisten dadurch ein Buch mit sieben Siegeln." Von dieser Meinung rückt Thiedke nach wie vor nicht ab, spricht von einer "Schiedsrichterverdrossenheit", obwohl er von sich behauptet, "mittlerweile viel ruhiger geworden zu sein". Was ursächlich mit seinem Job zusammenhängt, den er seit fast zwei Jahren ausübt: Trainer des Bundesligisten SV Cannstatt.

Es scheint, dass Henry Thiedke in Schwaben sein Glück gefunden hat. Aus dem Trainer in Berlin bei der SG Neukölln, der "ständig auch an seinem in Wasserball-Kreisen sehr geachteten Vater Gerhard gemessen wurde und so ständig in einer erdrückenden Situation agieren musste", ist 700 Kilometer von Berlin entfernt ein Coach ohne Übervater geworden. "Jetzt kann ich allein entscheiden, finde Anerkennung oder auch nicht und bin nicht mehr in erster Linie der Sohn meines Vater", erzählt er erleichtert. Dabei wirkt Henry Thiedke viel ausgeglichener, eben ruhiger, was zukünftig wohl auch die Schiedsrichter zu spüren bekommen werden. Mehr Selbstvertrauen durch Erfolge, so kann seine Entwicklung in Cannstatt, fernab von der Familie mit den bei TuS Lichterfelde Basketball spielenden Söhnen, charakterisiert werden. Als Thiedke beim schlafenden Riesen, wie er den SV Cannstatt selbst nennt, anfing, hatte er "gerade einmal acht Spieler im Bundesliga-Kader". In der zweiten Saison bereits steht für den SV Cannstatt der zweite Rang im Pokal-Wettbewerb fest, dazu kommt das Erreichen des Halbfinals in der Meisterschaft. "Damit haben wir unseren Platz in einem internationalen Cup-Wettbewerb bereits sicher", meint er vor dem ersten Turnier der vier Besten in Berlin, "was jetzt kommt, das ist Zugabe." Für Thiedke ist das zwar kein neues Gefühl, derart erfolgreich zu sein ("Mit Neukölln war ich da auch schon mal"), aber mit Cannstatt hat ihm das so schnell kaum jemand zugetraut. "Für mich ist seine Arbeit Gold wert, dass nunmehr auch in Cannstatt unter professionellen Bedingungen gearbeitet wird. Henry hat dort ein Wasserball-Hoch ausgelöst", meint Bundestrainer Hagen Stamm. Zwei Spieler aus Cannstatt (Dierolf, Müller) sowie einer aus Esslingen (Nossek) gehören dem deutschen Team an, das sich auf die Europameisterschaft in Budapest vorbereitet.

In Stuttgart gibt es nun wieder einen Olympiastützpunkt für Wasserball, werden zu den vier Spielern, die Teilzeit-Internatsplätze belegen, nunmehr sogar zwei mit Voll-Internatsplätzen hinzukommen. "Das sieht für die Zukunft ganz gut aus, meint Thiedke. Er kann sich sehr gut vorstellen, ganz ins "Ländle" zu ziehen. "Es gibt Vertragsverhandlungen", sagt er. Noch lebt die Familie in Berlin, und es müsste dann für seine Frau Caroline, die Hauptkommissarin bei der Polizei ist, dort eine Stelle geben. Erst dann wäre für Henry Thiedke der Punkt erreicht, an dem seine Erfolgsgeschichte weitergeschrieben werden könnte. In Neukölln hat man zu seinem Weggang mittlerweile eine positive Haltung eingenommen: An diesem Wochenende werden die Cannstatter in Berlin von der SG betreut.

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