Sport : We are family

Michael Bradley wird in der US-Nationalmannschaft von seinem Vater Bob trainiert. Beide eint eine große Passion für den Fußball

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Karim Matmour hat ziemlich schnell gemerkt, dass er auf Maßnahmen zur Spionageabwehr getrost verzichten kann. Nächste Woche trifft er mit Algeriens Nationalmannschaft auf die USA und damit auf Michael Bradley, seinen Teamkollegen von Borussia Mönchengladbach. Heimlich ausgehorcht wurde Matmour trotzdem nicht. Michael Bradley hat auf nachrichtendienstliche Ermittlungen über den WM-Gruppengegner weitgehend verzichtet – er weiß sowieso schon alles. „Ich war sehr überrascht, dass Michael alle unsere Spieler kannte“, sagt Matmour. Selbst zwei oder drei weitgehend unbekannte Namen waren ihm geläufig.

„Es ist doch normal, dass ich mir Spiele von Algerien im Fernsehen ansehe“, findet Bradley. „Ich hatte immer im Hinterkopf, dass sie bei der WM unser Gegner sind.“ Klingt logisch, ist es aber nicht. Hans Meyer hat Bradley knapp ein Jahr trainiert. Mal angenommen, erzählt er, er hätte am Abend vor einem Spiel angeboten, sich im Mannschaftshotel gemeinsam das Freitagsspiel der Bundesliga anzusehen, „dann kommen von 18 Spielern fünf“, sagt Meyer. „Aber es wäre unmöglich, dass Michael nicht dabei ist. Er ist ein Fußballverrückter, in positivem Sinne.“

Unter der Woche Champions League, am Wochenende Spiele aus Spanien, Italien, England oder anderen europäischen Ligen. Michael Bradley sitzt eigentlich jeden Tag vor dem Fernseher und schaut sich Fußballspiele an. Und wenn ihm der Sinn nach fachlicher Einordnung steht, ruft er seinen Vater in den USA an. Also eigentlich auch jeden Tag. „Natürlich ist Fußball mein Beruf“, sagt Bradley. „Aber in erster Linie ist es das, was ich liebe.“

Diese Passion verbindet ihn mit seinem Vater, der praktischerweise in Personalunion auch sein Trainer in der amerikanischen Nationalmannschaft ist. Michael Bradley redet nicht gerne über dieses Thema, das merkt man sehr schnell, wenn man sich mit ihm darüber unterhalten will. Bradley ist ein sehr überlegter Typ. Nach jeder Frage denkt er erst kurz nach, bevor er antwortet. Bei Fragen zu seinem Vater denkt er etwas länger nach. „Die Presse macht das Thema größer, als es in Wirklichkeit ist“, sagt Bradley. Er fürchtet wohl den Eindruck, er könnte als Sohn bevorzugt werden. Aber wer mit nicht mal 23 Jahren bereits mehr als 40 Länderspiele bestritten hat, wird das nicht durch Protektion der Familie geschafft haben.

Natürlich hat Bradleys Leidenschaft für den Fußball etwas mit seinem Vater zu tun. Bob Bradley, 52, arbeitet seit 30 Jahren als Trainer, und ehemalige Spieler von ihm erzählen, dass der kleine Michael eigentlich immer schon dabei war: dass er bei den Trainingseinheiten am Spielfeldrand zuschaute und zu den Spielen im Bus mitgefahren ist. „Es war nie so, dass mein Vater zu mir gesagt hat: So, setz dich mal hin, wir schauen uns jetzt ein Spiel im Fernsehen an!“, sagt er. „Welcher Junge liebt es denn nicht, mit seinem Vater Fußball zu gucken?“

Mit knapp 23 Jahren verfügt Michael Bradley bereits über einen reichen Erfahrungsschatz. Er war 16, als er in der Major League Soccer debütierte, mit 18 ging er dann zum SC Heerenveen nach Holland. Bis heute ist er der jüngste Spieler, der je aus der MLS nach Europa gewechselt ist. Alles in allem ist Bradley ein Spieler, wie ihn sich Trainer wünschen. „Er hat Fußballverstand“, sagt Hans Meyer. „Sein großes Interesse kommt ihm da richtig zugute.“ Manchmal denkt Bradley selbst schon wie ein Trainer. Natürlich mache es ihm Spaß, sich den FC Barcelona anzuschauen, Messis Tricks und seine Tore zu bewundern. „Aber erst wenn du näher ranzoomst, siehst du die Dinge, die Barcelona wirklich so stark machen“, erzählt Bradley. „Wie sie den Ball jagen, wenn sie ihn verloren haben. Wie sie ihre Gegner unter Druck setzen, um ihn wiederzugewinnen. Das ist etwas, das nicht jeder erkennt.“

Michael Bradley hatte schon früh einen anderen Blick auf den Fußball. Mitte der Neunziger war der AC Mailand sein Lieblingsklub, nichts Besonderes so weit; doch von all den Stars, die dort spielten, bewunderte Bradley am meisten den stillen Demetrio Albertini, einen Mittelfeldspieler, der seiner Zeit in gewisser Weise voraus war. Albertini wollte nicht selber glänzen, er wollte seine Mannschaft besser machen. 1994, bei der WM in den USA, hatte Bradley die Gelegenheit, sein Idol aus der Nähe zu beobachten. Die Bradleys wohnten nicht weit weg vom Quartier der Italiener; Michael, knapp sieben Jahre alt, fuhr mit seinem Vater häufiger zu ihren Trainingseinheiten. „Ich habe es geliebt, dort zu sein und ihnen zuzuschauen“, sagt er.

Bradleys Sicht auf den Fußball ist vor allem durch seinen Vater Bob geprägt, über den Sunil Gulati, der Chef des amerikanischen Verbands, einmal gesagt hat: „Er ist ein Fußball-Intellektueller. Ich kenne niemanden, der das Spiel genauer analysiert und so intensiv lebt.“ Als die Amerikaner nach dem Vorrundenaus bei der WM 2006 einen Nachfolger für Bruce Arena suchten, hat Michael Bradley natürlich gehofft, dass sein Vater den Job bekommt – nicht, weil er an seine eigene Karriere dachte, sondern an den Traum seines Vaters. „Niemand kann seine Leidenschaft für den Job besser beurteilen als ich“, sagt Bradley. „Mein Vater ist ein Wettkampftyp, ehrgeizig und fleißig. Die Leute sagen: Er sieht immer so ernst aus. Aber das ist nur die Seite, die man beim Fußball sieht. Zu Hause ist er ganz anders.“

Bob Bradley hat das Team USA nach seinen Vorstellungen geformt: ehrgeizig, fleißig, ein bisschen ernster als früher und doch mit Spaß am Wettkampf. „Wir haben die Einstellung, dass es uns egal ist, gegen wen wir spielen. Wir sind in der Lage, mit jedem Gegner zu wachsen“, sagt Bradley junior. „Selbst in den gefährlichsten Momenten stehen wir zusammen. Dieser Geist zeichnet uns aus.“

Dieser Geist soll die Amerikaner bei der WM mindestens ins Achtelfinale bringen, so wie er sie vor einem Jahr beim Confed- Cup bis ins Endspiel gebracht hat. Im Halbfinale trafen die USA auf Europameister Spanien, der seit 35 Spielen nicht mehr verloren hatte. Der Außenseiter gewann 2:0. Michael Bradley hat „von mehreren Leuten gehört, dass die spanischen Spieler sehr beeindruckt waren, wie wir ihnen das Leben schwergemacht haben“. Man darf ruhig davon ausgehen, dass ihm dieses Lob ganz besonders gefallen hat.

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