Sport : We can work it out

Die britische Olympiamannschaft ist so stark wie noch nie – zahlenmäßig. Unter den 541 Athleten finden sich viele Stars, aber auch so manche Exoten.

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„Team GB“, wie sich die britische Olympiamannschaft seit den Spielen von Sydney vor zwölf Jahren nennt, schickt 541 Athleten an den Start, gut 200 mehr als in Peking. Mit dem Umfang des Kaders ist auch der Druck gehörig gewachsen: Das Land erwartet, dass einheimische Helden bei den Londoner Spielen brillieren und mindestens den vierten Platz im Medaillenspiegel vor vier Jahren bestätigen. „Wir werden die besten Olympialeistungen seit 1908 abliefern und 21 Mal Gold gewinnen“, hat der fünffache Olympiasieger Sir Steven Redgrave prophezeit.

Die Ausrüstung wurde von der Londoner Designerin Stella McCartney entworfen, der Tochter von Ex-Beatle Paul. Und natürlich gibt es, wie es sich für britische Verhältnisse gehört, unter den Olympioniken auch einen echten Popstar: Wasserspringer Thomas Daley, 18, würde perfekt in jede Boyband passen. Kürzlich hat er seine Autobiografie veröffentlicht, im Frühjahr posierte er neben Kate Moss für die italienische Vogue. Daley müsse sich mehr auf den Wettkampf konzentrieren, hat ein Funktionär bereits gewarnt.

Sein weibliches Pendant heißt Jessica Ennis. Die Welt- und Europameisterin im Siebenkampf modelte als inoffizielles „Postergirl für Team GB“ („Daily Telegraph“) für mehrere Modemagazine, steht aber nicht im Verdacht, ihre Disziplin zu vernachlässigen. „Ich weiß, dass alles außer einer Goldmedaille als Versagen gewertet wird“, sagte die 26-jährige Malerstochter aus Sheffield.

Schwimmerin Rebecca „Becky“ Adlington, die überraschende Siegerin im Freistil (400 und 800 Meter) in Peking, gehört ebenfalls zu den großen Namen. Medaillenchancen werden auch Keri-Anne Payne (10 Kilometer Freiwasser) und der jungen Sprintspezialistin Francesca Halsall, 22, eingeräumt. Wettbewerbe im Wasser liegen den Inselbewohnern überhaupt: Im Segeln und Rudern gehören sie traditionell zu den Besten. Die Hockeymannschaften bei Frauen und Männern peilen in Stratford ebenfalls Medaillen an.

Am erfolgreichsten waren in China jedoch die Radsportler mit sieben Goldmedaillen. Das löste einen regelrechten Boom aus. Sponsoren und Medien interessierten sich plötzlich für die Sportart, Millionen flossen an Werbe- und Fördergeldern. Der Hype ist noch größer, seit Bradley Wiggins kürzlich sensationell als erster Brite die Tour de France gewann. Der 32-jährige Londoner gilt als aussichtsreicher Kandidat im Zeitfahren, „es wird Gold oder gar nichts für mich“, sagt er. Kollege Mark Cavendish traut man zu, am Samstag beim Straßenrennen vor dem Buckingham Palace den ersten Olympiasieg für Team GB einzufahren; ob sich beide danach in Unterwäsche ablichten lassen wie die Bahnradfahrerin Victoria Pendleton (Gold 2008), bleibt allerdings abzuwarten.

Die internationalen Olympia-Stars

Die internationalen Olympia-Stars
Sprinter Usain Bolt war in Peking 2008 der Superstar und wurde dreimal Olympiasieger. Und er inszenierte sich dabei als Showman. Zumindest das hat der Jamaikaner noch nicht verlernt, allerdings scheint er nach jahrelanger Dominanz plötzlich schlagbar. Bei der Olympia-Qualifikation in seiner Heimat wurde er hinter Yohan Blake über die 100 und 200 Meter jeweils nur Zweiter. Stiehlt ihm sein Landsmann in London womöglich erneut die Show?Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Reuters
25.07.2012 17:44Sprinter Usain Bolt war in Peking 2008 der Superstar und wurde dreimal Olympiasieger. Und er inszenierte sich dabei als Showman....

Die Sorgenkinder der Auswahl sind die Leichtathleten. Dreispringer Philipps Idowu, der unweit des Olympiageländes in Hackney aufwuchs, konnte wegen eines eingeklemmten Nervs seit Juni an keinem Wettbewerb teilnehmen. Die populäre Marathonläuferin Paula Radcliffe, 38, muss nach einer Knöchelverletzung auch um ihren Start bangen. „Die Chancen stehen 50 zu 50“, sagte Leichtathletik-Chefcoach Charles van Commenee.

Commenee musste sich im Vorfeld heftiger Kritik von der „Daily Mail“ erwehren. Das populistisch-konservative Blatt bezeichnete zahlreiche kurzfristig eingebürgerte Leichtathleten als „Plastikbriten“; „Plätze auf dem Podium sind augenscheinlich wichtiger als so bedeutungslose Dinge wie Fairplay und Selbstrespekt“, schrieb Kolumnist Martin Samuel. Der Start von Dreispringerin Yamilé Aldama für „Team GB“ ist der Zeitung ein besonderer Dorn im Auge. Die 39-Jährige repräsentierte bei früheren Wettkämpfen Kuba und den Sudan.

Langstreckenläufer Mo Farah wurde von dem Vorwurf der gefälschten Identität jedoch ausdrücklich ausgenommen. Der gebürtige Somalier kam als Achtjähriger nach London und zog nach Kenia, um die Trainingsmethoden der Afrikaner zu studieren. Der 29-Jährige lebte dort ein beinahe mönchisches Leben der Abstinenz und ernährte sich wie seine Rivalen vorwiegend von Haferschleim.

Ganz anders dürfte sich Dressurreiterin Laura Bechtolsheimer auf ihren Wettkampf vorbereitet haben. Team GBs vornehmste Olympionikin ist die Urenkelin des Pfälzer Warenhausmilliardärs Karl-Heinz Kipp, startet aber wie ihr Ende der achtziger Jahre eingewanderter Vater Wilfried für die Briten. Die 27-Jährige gehört zum Establishment, sie war zur Hochzeit von Kate Middleton und Prinz William eingeladen. Ein emotionales Olympiaduell mit ihrem Exfreund Matthias Rath bleibt ihr allerdings erspart, weil der Totilas-Reiter am Pfeiffer’schen Drüsenfieber erkrankte.

Exoten hat die Equipe übrigens auch zu bieten, allerdings würde man diese in anderen Ländern nicht als solche wahrnehmen. Die Frauen- und Männermannschaften im Handball üben aus britischer Sicht eine höchst seltsame Sportart aus, das Spiel hat keine Tradition auf der Insel. Der Britische Olympische Verband rief 2006 Freiwillige auf, sich zu melden. Zunächst wurden die Teams mit viel Geld von Profis ausgebildet, doch nach einer Kürzung der Gelder vor drei Jahren leben insbesondere die Handballerinnen in spartanischen Verhältnissen; einige beziehen sogar Arbeitslosenunterstützung. Alles andere als ein Aus in der Vorrunde wäre für beide Mannschaften eine echte Sensation.

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