Wechsel der Disziplin : Nadine Kleinert: Einmal Glitzerwelt und zurück

Nadine Kleinert erlebte als Boxerin, was sie als Weltklasse-Kugelstoßerin nur selten hat – enorme Aufmerksamkeit.

Frank Bachner[Kienbaum]
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In diesen Ring gehört sie. Nadine Kleinert stößt wieder die Kugel. Foto: dpa

Irgendwann sah sie seine Augen. Nadine Kleinert konnte darin lesen. Seit 18 Jahren ist Klaus Schneider ihr Trainer, jetzt saß er vorn am Ring, und in seinen Blicken erkannte Nadine Kleinert eine flehentliche Botschaft: „Mädel, lass das sein.“ Ein paar Sekunden später beendete Nadine Kleinert ihre Laufbahn als Boxerin.

Es war ein kalter Tag im Januar, in einem Boxgym in Magdeburg. Nadine Kleinert rief: „Lasst uns alles abbrechen.“ Es war ihr erstes ernsthaftes Sparring, die erste Runde. Und zugleich die letzte. Schneiders Blicke hatten ihr Gefühl im Ring bestätigt. „Ich war mit dem Kopf nicht hundertprozentig beim Boxen.“

Nadine Kleinert, Olympiazweite, WM-Dritte, verwandelte sich wieder in eine Kugelstoßerin. Und sie stößt, als wäre nichts gewesen. In Dessau wuchtete sie die Kugel auf 19,80 Meter, in Kienbaum erzielte sie vor wenigen Tagen die beste Trainingsleistung in diesem Jahr. Heute, beim Istaf, sagt die 33-Jährige, „ist persönlicher Rekord möglich“. Der steht bisher bei 20,06 Meter. Und wenn sie Rekord stößt, was dann? Dann werden ein paar Leute klatschen, die meisten werden es kaum registrieren. Im Feld der Istaf-Stars stößt Nadine Kleinert aus Magdeburg, 1,90 Meter groß, 90 Kilogramm schwer, in der Unauffälligkeit. Das ist der Preis für ihre Abkehr vom Boxen.

Der Faustkampf hatte sie in eine andere Welt katapultiert, eine Glitzerwelt mit großen Sprüchen und einigen halbseidenen Figuren; in dieser Welt stieg Nadine Kleinert zur Medienfigur auf. Kugelstoßerin wird Profi-Boxerin – was für eine Geschichte. Bei ihrem ersten Pressetraining tauchten mehr Journalisten auf, als beim PR-Training von Henry Maske, nachdem der sein Comeback angekündigt hatte. Die „New York Times“ berichtete, in Tschechien war sie Thema, sogar bei einem Wettkampf im Senegal entdeckte Kleinert in einer französischsprachigen Zeitung ihre Geschichte. Und selbstverständlich tauchte sie bei RTL auf.

Ihr neuer Boxstall SES des Promoters Ulf Steinforth hatte ihr sofort ein Auto besorgt. Das DSF hätte sie unter Vertrag genommen, zehn Kämpfe versprach ihr Promoter Steinforth. „Und als es hieß, ich gehe zum Boxen, da hätte ich viele Sponsoren haben können“, sagt Nadine Kleinert. Sie sitzt in der Cafeteria in Kienbaum, ein bisschen müde noch, weil sie vom Wettkampf aus Turin kommt, aber beim Thema Sponsoren wird ihre Stimme hart. „Als Kugelstoßerin habe ich keinen einzigen persönlichen Sponsor“, sagt sie.

Sie ist nicht wegen der Aufmerksamkeit zum Boxen gewechselt, aber sie hat die kurzzeitige Prominenz genossen. Und vermutlich gab es genug Leute, die ihr einen Drang nach Selbstinszenierung unterstellten, als sie in den Ring stieg.

Dabei hatte alles mit einem Zufall begonnen. Kleinert war schon als Kind Boxfan, Steinforth und ein SES-Trainer wussten das. Sie sahen die Kugelstoßerin auch bei einer Box-Pressekonferenz, als interessierte Zuhörerin. Und sie brauchten für ihren Boxstall eine Zugnummer, außerdem war im Schwergewicht eine Lücke. Also sprachen sie Kleinert lange vor den Olympischen Spielen 2008 an. Die Kugelstoßerin war nicht abgeneigt. Bis zu den deutschen Meisterschaften 2008 trainierte sie einmal pro Woche im SES-Gym. Dann, nach dem enttäuschenden Platz sieben in Peking, stieg sie ganz ein.

Aber in ihrer neuen Welt gab es eigene Regeln, die hatten viel mit Geld und hohen Quoten zu tun. Nadine Kleinert sollte schon im Januar ihren ersten Kampf bestreiten, nach nur drei Monaten ernsthaften Trainings, nach ein paar eher abtastenden Sparringsrunden. Außerdem konnte ihr niemand die zehn Kämpfe garantieren. Es gab nicht genügend Punkte, die eine Nadine Kleinert fest in ihrer neuen Welt verankerten.

Aber die Rückverwandlung der Medienfigur Kleinert in die Leichtathletin verlief nicht unproblematisch. Kleinert, die das Image der Kämpfernatur kultiviert, warf sich Inkonsequenz vor. „Ich war enttäuscht, weil ich diesen Versuch abgebrochen habe.“ Und auch, weil Boxen ihr genussvolle Momente geschenkt hatte. Immerhin, sie hat sich kunstvoll verabschiedet vom Faustkampf. Mit einer Art Ausrufezeichen. Kurz vor dem Abbruch, sagt Kleinert durchaus zufrieden, „habe ich noch blaue Veilchen verteilt“.

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