Sport : Wechsel ohne Wissen

Warum Formel-1-Piloten ihrem neuen Team keine Geheimnisse mitbringen können

Frank Bachner

Berlin. Juan Pablo Montoya könnte ganz leicht ein Industriespion werden. Denn er arbeitet für ein bedeutendes Unternehmen, und nach dieser Saison wechselt er zu einem anderen, genauso bedeutenden Unternehmen. Er könnte sich einfach ein paar wichtige Akten unter den Arm klemmen und sie weiterreichen. Dann würde er der Ignacio Lopez der Formel 1. Genau wie der Automobilmanager, der Informationen von General Motors zu VW mitgenommen haben soll, könnte der kolumbianische Formel-1-Pilot Montoya Vertrauliches von seinem Team BMW-Williams zu McLaren-Mercedes mitnehmen. Oder sogar schon in der laufenden Saison ausplaudern. Ein paar Betriebsgeheimnisse der schnelleren Konkurrenz könnte McLaren-Mercedes schließlich gut gebrauchen. Die Wagen der Schwaben sind bislang in dieser Saison permanent ausgeschieden.

Teamwechsel sind eine besonders heikle Angelegenheit in der Formel 1. Denn in einem Rennstall erfahren die Piloten nicht nur Details über die Taktik, sondern auch über die Technik. Und davon hängt der Erfolg entscheidend ab. Bei Montoya kommt hinzu, dass sein Wechsel schon lange feststeht, und Mercedes und BMW ohnehin große Rivalen sind. Mit BMW-Williams wird Montoya an diesem Wochenende in Imola beim Großen Preis von San Marino starten (Rennen am Sonntag, 14 Uhr, live in RTL und Premiere).

Natürlich wären Montoyas Plaudereien vertragswidrig, er hat unterschrieben, dass er keine BMW-Wiliams-Interna offenbaren darf. Es gibt Leute, die befürchten, dass BMW-Williams Vorteile verlieren könnte, wenn der Kolumbianer zu viel redet. Kann also ein technisch versierter Pilot die Planungen seines früheren Teams sabotieren, wenn er nur skrupellos genug ist?

Kann er offenbar nicht. „Ein Pilot wird niemals die entscheidenden Daten eines Fahrzeugs wissen“, sagt ein erfahrener Formel-1-Ingenieur, der aber immerhin selbst noch Geheimniskrämer genug ist, dass er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. „Die wirklich entscheidenden Daten kennen vielleicht drei Leute.“ Abgesehen davon wären die Informationen teilweise veraltet. Die Teams bauen jedes Jahr ein neues Auto. Oder zumindest erneuern sie das alte.

Montoya könnte allerdings den effektiven Spritverbrauch des BMW-Williams 2004 mitteilen. Der ändert sich jährlich nicht drastisch. Dann könnten die Ingenieure von McLaren-Mercedes hochrechnen, wie stark der BMW-Williams beschleunigen kann. Allerdings müssten sie dann auch noch die Motorleistung kennen. Und dann? Dann wären sie auch nicht viel weiter. Sie müssten nun diesen Spritverbrauch kopieren können. Aber dazu fehlen ihnen die Daten.

Ein Pilot bewegt sich immer im Ungefähren. Er kann sagen, wie sich das Fahrzeug in bestimmten Situationen verhält, ob die Aerodynamik mit dem Fahrwerk harmonierte oder wo der aerodynamische Schwerpunkt lag. Stoff für eine angenehme Plauderei, mehr aber nicht. „Das ist, als ob man einen vermeintlichen Experten fragt: Wo bekomme ich spezielle, exotische Blumen, die auf eine ganz besondere Art gebunden sind? Und dann lautet die Antwort: Geh’ in einen Blumenladen“, sagt der Formel-1-Ingenieur.

Sie hätten es schon gern genauer, die Experten. McLaren-Mercedes wüsste zum Beispiel bestimmt gerne, wie es BMW-Williams schafft, mit einer vergleichsweise geringen Drehzahl trotzdem eine enorm große Motorleistung zu erzielen. Dadurch sinkt der Spritverbrauch, dadurch hält auch der Motor länger. Und das ist wichtig, wenn einen die Regeln für einen Motorentausch bestrafen. Ein Aggregat muss in dieser Saison ein ganzes Renn-Wochenende überstehen. Nur, diese Frage würde Montoya sicher nicht beantworten können. „Aber es kommt ja noch etwas dazu“, sagt der Formel-1-Ingenieur. „Die Daten der Konkurrenz müssten ja auch noch auf mein Auto übertragbar sein. Und das geht keineswegs automatisch.“

BMW-Williams hätte auch ganz gerne ein paar Infos gehabt. Über die revolutionäre Bremse zum Beispiel, die McLaren-Mercedes vor wenigen Jahren entwickelt hatte. Aber diese Daten kennt kein Pilot. Sinn macht nur ein kompletter Datenfluss, allerdings klinkt sich dann ein Staatsanwalt ein. Dann geht es um Betrug. In der Szene geht das Gerücht um, dass eines der besseren Teams in der Formel 1 zu Beginn dieses Jahres alle Daten des Ferrari 2003 auf dem Computer hatte. Das wäre fast wie ein Sechser im Lotto. Dann ließen sich im Windkanal die Daten eines Erfolgsautos detailgetreu simulieren: Ferrari wurde schließlich 2003 Weltmeister.

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