Sport : Weg vom Walrossbart

Vor einem Jahr trat Martin Heuberger seinen Posten als Handball-Bundestrainer an – eine Bilanz.

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Mann in der Mitte. Martin Heuberger (rotes Hemd) hat das DHB-Team verjüngt. Unter ihm debütierte mehr als ein halbes Dutzend ehemaliger Junioren-Nationalspieler. Foto: dapd Foto: dapd
Mann in der Mitte. Martin Heuberger (rotes Hemd) hat das DHB-Team verjüngt. Unter ihm debütierte mehr als ein halbes Dutzend...Foto: dapd

Berlin - Der Name geisterte durch den Raum, er war nicht wirklich anwesend, irgendwie aber doch allgegenwärtig. Dabei sollte es in der Berliner Geschäftszentrale eines großen Sponsors eigentlich um eine ganz andere Person gehen als um Heiner Brand, der wenige Monate zuvor zurückgetretene Handball-Bundestrainer. Erstmals seit 14 Jahren benannte an diesem Tag nämlich ein Mann ohne Walrossbart den A-Kader des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Auf dem Podium saß also Martin Heuberger, Brands Nachfolger, und ließ die Fragen zu seinem Vorgänger über sich ergehen. Inwiefern er sich konzeptionell von Brand unterscheide? Ob eine Art Übergabe erfolgt sei? Und überhaupt: Wie er mit dem schweren Erbe umgehen werde? „Ich habe damit kein Problem“, sagte Heuberger, „Heiner Brand hat viel geleistet für den deutschen Handball, er ist eine Kultfigur.“ Aber jetzt, ergänzte Martin Heuberger, jetzt beginne eben eine neue Ära.

Ein Jahr nach seiner Premiere als oberster Handball-Trainer der Republik lässt sich feststellen: Der 48-Jährige stellte sein Selbstbewusstsein nicht künstlich zur Schau, er hat sich tatsächlich emanzipiert vom legendären Brand, als dessen Co-Trainer er zuvor sieben Jahre gearbeitet hatte. Denn unter Heubergers Verantwortung debütierte mehr als ein halbes Dutzend ehemaliger Junioren-Nationalspieler, die er noch aus seiner Zeit als U-21-Coach des DHB kennt. „Die Verjüngung der Mannschaft war eine der großen Maximen, unter der ich angetreten bin“, sagt der Bundestrainer heute, „deshalb können wir schon festhalten: die Richtung stimmt.“ Zwar belegte die DHB-Auswahl bei der EM 2012 nur Rang sieben und verpasste zum ersten Mal in der Verbandsgeschichte die Olympia-Teilnahme. Unter Berücksichtigung des anstehenden Umbruchs nahm man das aber in der DHB-Spitze in Kauf.

Zumal es von vielen Seiten Anerkennung für die kommunikative Art Heubergers gibt. Die Bundesliga-Trainer loben den regelmäßigen Austausch mit ihm, ähnliches wissen gestandene wie perspektivische Nationalspieler zu berichten. „Der Bundestrainer setzt auf junge Leute, er schenkt uns sein Vertrauen“, sagt Kreisläufer Evgeni Pevnov von den Füchsen Berlin, der kürzlich sein Debüt im DHB-Trikot gab. Heuberger geht allerdings auch komplizierten Fällen nicht aus dem Weg. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörten im Sommer 2011 Gespräche mit Johannes Bitter und Christian Zeitz. Sowohl der Keeper des HSV Hamburg als auch der begnadete Linkshänder vom THW Kiel ließen sich jedoch nicht zum Rücktritt vom Rücktritt überreden. „Immerhin habe ich es versucht“, sagt Heuberger, „ich muss ihre Entscheidung akzeptieren.“ Ganz aufgegeben hat der Bundestrainer diesbezüglich aber noch nicht. „Wenn die beiden es sich anders überlegen sollten, haben sie ja meine Nummer“, sagt er.

Ein wenig anders verhält es sich im Fall Michael Kraus. Der Spielmacher des HSV Hamburg hatte sich nach der missratenen WM 2011 mächtig und öffentlich mit Heiner Brand gestritten und war daraufhin aus dem Kader geflogen. Nach einer Saison voller Verletzungen steht der 29-Jährige nun zumindest wieder im erweiterten Kader. „Mimi ist natürlich ein Kandidat“, sagt Heuberger, allerdings mit dem Zusatz: „Sofern er fit ist und im Verein gute Leistungen zeigt.“ Denn um Leistung geht es für Heuberger ja in erster Linie. So gesehen wartet bis zur WM in Spanien (11. bis 27. Januar 2013) viel Arbeit auf den Bundestrainer.

Denn im Moment unterliegt seine neu formierte Mannschaft seltsamen Leistungsschwankungen. In der WM-Qualifikation besiegte das Team Bosnien-Herzegowina daheim mit 36:24, eine Woche später gab es in Sarajevo eine 24:33-Niederlage gegen international doch eher zweitklassige Bosnier. „Selbst wenn manche Spieler nicht die Routine haben – so etwas darf uns nicht passieren“, sagt Heuberger. „Da hat die Fokussierung gefehlt.“ Genau wie an einem Testspielwochenende im September, als der Gegner an zwei Tagen zwei Mal Serbien hieß – und die Ergebnisse sehr voneinander abwichen (31:33/32:23). Für die EM-Qualifikationsspiele heute gegen Montenegro (Eurosport, 19 Uhr) und Israel (4. November) gibt Heuberger deshalb eine Devise aus: „Wir müssen an der Stabilität arbeiten.“ Das gilt besonders mit Blick auf das Turnier im Januar. Es ist die erste WM seit 1999 ohne, man ahnt es bereits: Heiner Brand als Nationaltrainer. Wobei: So allgegenwärtig wie vor einem Jahr ist sein Name längst nicht mehr. Dafür hat Martin Heuberger gesorgt. Christoph Dach

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