Sport : WEISE nach Peking

Benedikt Voigt

Steige einen Stock höher, um einen besseren Ausblick zu bekommen.

Wang Zhihuan

Am Sonntag sprachen wir in der Pekinger U-Bahnlinie 2 zwischen den Stationen Yonghegong und Chaoyangmen einen von Olympia begeisterten jungen Mann an. Seine rote Windjacke trug die Aufschrift „Olympic Volunteer“, er kam gerade von einer Fortbildung für einige der 100 000 freiwilligen Helfer. „Wir sind bereit“, sagte er. Bei den Spielen im August wird er im Baseball-Stadion ausgedruckte Ergebnislisten von einem Ort an den anderen bringen, eine Aufgabe, der er große Bedeutung beimisst. „Ich informiere die anderen“, sagte er. Stolz zeigte er auf sein Sweatshirt mit den fünf Olympiamaskottchen, am rechten Handgelenk trug er eine Uhr mit dem Vogelnest-Stadion auf dem Ziffernblatt. „Das hab’ ich mir noch gekauft.“ In diesem Moment fühlten wir Mitleid mit ihm.

Er freut sich auf fröhliche und unbelastete Spiele, aber das können die Olympischen Spiele im August in Peking nicht mehr werden. Nimmt man die Willkommenszeremonie für die Flamme vor einer Woche auf dem Tiananmenplatz als Indiz, werden es politisierte, inszenierte und von Sicherheitskräften bis in den letzten Winkel kontrollierte Spiele werden. Eine fröhliche Stimmung dürfte unter diesen Umständen nicht aufkommen, wenn am 8. August die Spiele eröffnet werden. Die Reaktion und Propaganda der chinesischen Regierung auf die Demonstrationen und Ausschreitungen in Tibet haben zwangsläufig vielmehr politische Themen wie Menschenrechte oder freie Meinungsäußerung auf die Agenda gehoben. Aus diesem Grund möchte man der chinesischen Regierung die Worte des Dichters Wang Zhihuan ans Herz legen: „Yu qiong qian li mu geng shang yi ceng lou.“ Steige einen Stock höher, um einen besseren Ausblick zu bekommen.

Das wäre doch eine Hilfe. Vielleicht könnte eine andere, höhere und weitere Perspektive die chinesische Regierung empfänglicher machen für die berechtigten Sorgen, Bedenken und Proteste der westlichen Welt. Oder zumindest Verständnis wecken für die Position der anderen. Der junge Olympiahelfer aus der Pekinger U-Bahn hätte es auf jeden Fall verdient.Benedikt Voigt

An dieser Stelle trainieren wir schon einmal für die Olympischen Spiele in der Disziplin Sprücheklopfen. Die Weisheit stammt aus Buch „Chinesische Aphorismen – berühmte Sprüche chinesischer Denker aus fünf Jahrtausenden“, erschienen im Sinolingua-Verlag.

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