Sport : WEISE nach Peking

Benedikt Voigt

Lieber wäre ich der Hahnenkamm als der Ochsenschwanz.

Buch Zhan Guo Ce

Als Tier hat man es in China nicht leicht. Wer nicht das Glück hat, Schmusehund oder Ziervogel eines Stadtbewohners zu sein, läuft Gefahr, sein Leben in einem der unzähligen Kochtöpfe im Reich der Mitte auszuhauchen. Im Süden des Landes, in Kanton, sind sogar ausnahmslos alle Lebewesen von diesem Schicksal bedroht. Ein chinesischer Spruch besagt: Kantoneser essen alles, was vier Beine hat und kein Tisch ist, was fliegt und kein Flugzeug ist, was schwimmt und kein U-Boot ist. Immerhin gibt es in China so etwas wie eine postume Wertschätzung der Tiere. Fast jede Extremität oder Innerei wird verspeist, Hühnerfüße, Fischköpfe oder Entenblut gelten sogar als Delikatesse.

„Lieber wäre ich der Hahnenkamm als der Ochsenschwanz“, heißt es im Buch Zhan Guo Ce. Mit dem gerade erworbenen Wissen möchte man rufen: am liebsten weder Hahnenkamm noch Ochsenschwanz. Doch so wörtlich muss diese chinesische Weisheit nicht genommen werden. Sie will auf den höheren Wert einer Leistung im Kleinen aufmerksam machen. Im Deutschen gibt es ein ähnliches Sprichwort: Lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich, als ein kleiner Fisch in einem großen Teich. Das gilt auch für die Olympia-Teilnehmer.

Ein vierter Platz hat in den großen Sportnationen wie USA, Deutschland oder Russland einen geringen Wert. Anders in, sagen wir, Malta. Noch nie war der Mittelmeerinsel bei 13 Teilnahmen eine Medaille vergönnt. Was war das für ein Empfang in Valletta, als William Chetcuti aus Athen heimgekehrt ist. Er hatte es im Wurftaubenschießen in das Stechen um den sechsten Platz geschafft und war am Ende Neunter geworden. Er dürfte sehr gerne der Hahnenkamm sein. Allerdings ebenfalls nur im übertragenen Sinne, denn Vögel haben es auch in Malta nicht leicht. Singvögel werden dort gefangen, und auf Zugvögel wird gerne auch mal geschossen. Benedikt Voigt

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