Sport : Weit nach oben

Weitspringer Sebastian Bayer zählt bei der Hallen-EM zu den Favoriten – dank eines Vereinswechsels

Frank Bachner

Berlin - Die Anweisung des Trainers konnte Sebastian Bayer wirklich nicht überhören. Nur wenige Meter entfernt von ihm schrie Jens Ellrott durch die Halle: „Die Arme besser anwinkeln.“ Bayer lief an wie immer, ihm schoss nur kurz ein Gedanke durch den Kopf: „Wen meint denn der?“

Er meinte ihn, Sebastian Bayer, den Weitspringer vom Bremer LT. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihm das klar war. Alles war so neu für Sebastian Bayer. Die Halle in Bremen mit der 80-Meter-Laufbahn, diese vielen Menschen, die herumwuselten, und vor allem dieser Jens Ellrott, der tatsächlich ihn beobachtete. Und in diesem Moment nur ihn. Das war der Moment, als Sebastian Bayer klar wurde, dass er in einer neuen Welt angekommen war. Es war ein Tag im Januar 2009, der Weitspringer Bayer absolvierte sein erstes Training für den Bremer LT. Drei Jahre Bayer Leverkusen waren Vergangenheit. Drei Jahre Einsamkeit.

Nun, in dieser neuen Welt, ist Bayer als Medaillenkandidat zur Hallen-Europameisterschaft nach Turin gereist. Nachdem er sich gestern mit einer Weite von 8,12 Meter als Bester für das Finale qualifiziert hat, kämpft er heute um eine Medaille. Vielleicht sogar um Gold. Beim Hallen-Meeting in Chemnitz vor einer Woche landete er bei 8,17 Metern, damit schob sich der 22-Jährige auf Rang zwei der europäischen Jahresbestenliste. 8,17 Meter, das ist auch die drittbeste Weite, die je ein deutscher Weitspringer in der Halle erreicht hat. Bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig vor zwei Wochen war Bayer bereits 8,13 Meter gesprungen, zweimal sogar, bei nur drei Versuchen.Vor dieser Saison stand seine Hallen-Bestleistung bei 7,88 Meter. Seine Freiluft-Bestmarke beträgt 8,15 Meter.

Aber hinter dem Wechsel nach Bremen steckte keine große Strategie, kein Masterplan, der auf dem Reißbrett den Aufstieg von Sebastian Bayer zum Medaillenkandidaten aufzeichnete. Der Sportsoldat hatte nur die Nase voll von dieser Kilometerfresserei. Er wohnte in Leverkusen, seine Freundin, die Hürdensprinterin Carolin Nytra, in Bremen, die Pendelei nervte, also zogen sie in Bremen zusammen. Aber dann stand Bayer in der Trainingshalle in Bremen und überlegte, ob dieser Wechsel wirklich eine gute Idee war. Hier gibt’s ja nicht mal eine 100-Meter-Laufbahn, schoss ihm durch den Kopf. Im Geiste zählte er auf, was er mit Leverkusen aufgegeben hatte: eine topmoderne Halle mit 100-Meter-Laufbahn, fünf Weitsprunggruben, ein exzellent ausgerüsteter Kraftraum, Physiotherapie, alles da. Und jetzt? Bremen.

Aber Bremen bedeutete auch, dass Bayer aus seiner Anonymität gerissen wurde. „In Leverkusen trainierte ich ganz allein“, sagt er. Auf dem Boden lagen die Pläne, die sein langjähriger Trainer Joachim Scholz ausgearbeitet hatte. Aber Scholz war weit weg, er wohnt in Aachen. In Aachen hatten sie zusammen gearbeitet. Jetzt faxte oder mailte er die Pläne.

Trainingspläne können nicht reden, sie können nicht die Kleinigkeiten korrigieren, die Armhaltung, die Technik beim Absprung. Details, die ein Athlet benötigt. Niemand korrigierte Bayer, niemand motivierte ihn, wenn er mal keine Lust hatte. Er hatte professionelle Anlagen, aber keine Nestwärme. So ein Punkt kann im Spitzensport entscheidend sein. Jetzt betreut ihn Ellrott, der Mann, der auch Bayers Freundin trainiert. „Alles hat sich verändert“, sagt Bayer. Nichts Großes, die Feinheiten beim Anlauf und beim Absprung, aber die vielen Punkte summieren sich zum großen Ganzen. Scholz arbeitet immer noch die Trainingspläne aus, aber Ellrott sorgt dafür, dass sein Athlet sie optimal umsetzt. In Bremen verbesserte Bayer seine 60-Meter-Bestzeit um zwei Zehntelsekunden auf 6,80 Sekunden.

Das sind Zahlen, sie kann man einschätzen, aber mentale Entwicklungen lassen sich nicht exakt erfassen. Wie entwickelt er sich psychisch, das ist die spannendste Frage. Bayer war nie ein nervenstarkerAthlet. Bei der EM 2006 schied er mit 7,66 Metern in der Qualifikation aus, bei den Olympischen Spielen in Peking verpasste er mit 7,77 Metern das Finale. Er arbeitete ungewollt, aber mit viel Energie an der Rolle des ewigen Talents.

Jens Ellrott, der Trainer, kennt die spöttischen Kommentare. Überholte Einschätzungen, sagt er. Die 8,17 Meter seien ja kein Ausrutscher. Und die beiden 8,13-Meter-Sprünge in Leipzig absolvierte Bayer, obwohl er kurz zuvor noch Adduktoren-Probleme gehabt hatte.

Genau genommen war der 22-Jährige in Leipzig erheblich weiter gekommen. Ellrott hatte die 8,13-Meter-Sprünge genau biomechanisch analysieren lassen. Ergebnis: Bei einem Sprung hatte Bayer neun Zentimeter am Balken verschenkt.

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