Sport : Weit springen – mit bayerischer Bodenständigkeit

Ganz ohne Brimborium hat sich Michael Uhrmann vor der Vierschanzentournee Respekt verschafft

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Auf ein kleines Ereignis aus diesem Winter ist der Skispringer Michael Uhrmann besonders stolz. Weil in Lillehammer während des Wettkampfs seine Rückennummer teilweise abgerissen war, ließ er sie sich von der Physiotherapeutin des Deutschen Ski-Verbandes annähen. Prompt legte die finnische Mannschaft vorsorglich Protest ein, das nachträgliche Festnähen hätte ja gegen irgendeine Regel verstoßen können. Hatte es nicht, wie sich herausstellte, weshalb Uhrmann den Einspruch nun als Auszeichnung nimmt. Gegenüber der „FAZ“ sagte er: „Wenn man nicht gefährlich ist für die anderen Springer, fallen solche Dinge gar nicht auf.“ Uhrmann ist gefährlich in diesem Winter.

Michael Uhrmann zählt vor dem Start der 54. Vierschanzentournee am Donnerstag in Oberstdorf zu den Mitfavoriten. Als Vierter der Weltcup-Gesamtwertung hat der 27-Jährige aus dem Bayerischen Wald gezeigt, dass er konstant auf vordere Plätze segeln kann. Eine Qualität, die gefragt ist auf den Schanzen von Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Der ruhige Uhrmann sieht sich nicht als Favorit. „Ich lass mich überraschen, was am Ende rauskommt.“ Ein dritter und zwei zweite Plätze waren es bislang in diesem Winter. Bundestrainer Peter Rohwein kann sich über Uhrmanns beständige Leistungen freuen: „Er ist im Kopf freier geworden. Er geht selbstbewusster an die Dinge ran.“

Das deutsche Team hat mit ihm wenigstens einen Springer, der regelmäßig auf einem vorderen Platz landen kann. Nach dem Rücktritt Sven Hannawalds und Martin Schmitts dauerhaftem sportlichen Tief verliert das Skispringen das Interesse der Öffentlichkeit. Gegenwärtig fällt die Sportart, die dem Deutschen Skiverband einen beispiellosen Fernsehvertrag im Wert von 77 Millionen Euro für fünf Jahre mit RTL eingebracht hat, wieder auf das Zuschauerinteresse der frühen Neunziger zurück. Ein Springer wie Michael Uhrmann taugt nicht für den Hype, er repräsentiert bayerische Bodenständigkeit. Er wird gesponsert von einer Heizungsbaufirma und einem Reiseunternehmen. Kaum vorstellbar, dass Boulevardblätter für ihn eine Freundin suchen, wie sie es für Schmitt und Hannawald getan hatten. Es wäre auch überflüssig, denn Uhrmann wird im April erstmals Vater. Für seine Familie baut er in Breitenberg ein Haus. Mit Uhrmann ist das Skispringen in Deutschland wieder eine Sache für Männer geworden. Allerdings für leichtgewichtige.

Als in der vergangenen Saison erstmals der Body-Mass-Index im Skispringen eingeführt wurde, hatte Michael Uhrmann lange Zeit Probleme, das notwendige Gewicht auf die Waage zu bringen. In dieser Saison hat der 1,81 Meter große und 64 Kilogramm schwere Springer weniger Schwierigkeiten den Mindest-Index von 20 zu überschreiten. Das wirkte sich positiv auf sein Training aus, er konnte sich im Sommer besser auf seine Athletik und seine Sprungtechnik konzentrieren – und hatte prompt Erfolg. In der Woche vor Weihnachten übte er noch in Oberstdorf mit einem zweiten Paar Sprungski. „Das ist auch für den Hinterkopf wichtig, falls das andere Paar mal nicht so richtig funktioniert“, sagt Michael Uhrmann.

Ab Donnerstag wird die Hauptverantwortung für das deutsche Team auf ihm lasten. „Wir wollen bei der Tournee einen in der Spitze haben“, sagt Rohwein. Keine leichte Aufgabe für einen Springer, der bisher nur einen Weltcupsieg in Zakopane aus dem Januar 2004 vorweisen kann. Zweimal ist er in diesem Winter nur um Bruchteile von Sekunden zu früh im Schnee gelandet, sonst hätte er seinen zweiten Erfolg feiern können. Aber Janne Ahonens Sieg bei der Vierschanzentournee aus der Saison 1998/99 dürfte ihm zusätzliche Hoffnung geben: Es zeigt, dass man als Tourneesieger heimkehren kann, ohne auch nur ein einziges der vier Springen gewonnen zu haben.

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