Sport : Weiter mit Götz – aber wie weit?

Herthas Management lässt die Zukunft des Trainers offen und die Spieler sprechen sich aus

Sven Goldmann

Berlin - Schneeregen fiel vom Himmel, als Dieter Hoeneß auf das Trainingsgelände am Olympiastadion fuhr. Es war 10.46 Uhr, und der Manager von Hertha BSC wollte seiner Mannschaft bei der Arbeit zuschauen. Für den Vormittag war ein leichtes Training angesetzt, doch Dieter Hoeneß sah nur grünen Rasen. Erste beruhigende Erkenntnis: Die Rasenheizung funktioniert (keine Selbstverständlichkeit in diesen Tagen, da bei Hertha wenig so ist, wie es eigentlich sein müsste). Wo aber waren die Spieler? Sie saßen in der Kabine und warfen sich allerlei Sachen an den Kopf. Sie redeten über die 2:4-Niederlage am Samstag gegen den 1. FC Köln, die Serie von 13 sieglosen Spielen in Folge und wie es so weit hat kommen können. Mittendrin unter den debattierenden Fußballprofis saß Falko Götz. Der Mann, um dessen Zukunft es an diesem Vormittag geht.

Der Trainer spricht später von einer sehr aufschlussreichen Diskussion, „es sind ein paar Punkte angesprochen worden, über die in dieser Deutlichkeit noch nicht geredet wurde“. Dann geht er mit der Mannschaft zum lockeren Auslaufen doch noch auf den Platz. Die große Neuigkeit, auf die mancher spekuliert hat, gibt es also nicht zu vermelden. Falko Götz bleibt Hertha als Trainer erhalten, vorläufig jedenfalls. „Wir werden in den nächsten Tagen Gespräche führen und dann eine Erklärung abgeben“, sagt Manager Hoeneß. Wird Götz am Samstag beim Spiel in Bremen auf der Berliner Bank sitzen? Hoeneß weicht aus: „Dazu sage ich jetzt bewusst nichts. Warten Sie bitte unsere Erklärung ab. Sie wird keinen Raum für Interpretationen lassen.“

Dieser Satz bietet allerdings einigen Raum für Interpretationen. Zum Beispiel dafür, dass ein klares Bekenntnis zum Trainer anders klingt. Hoeneß aber hat in den vergangen Tagen immer wieder betont, er beteilige sich nicht an einer Trainerdiskussion. Es widerspräche seinem Naturell, wenn er unter dem Eindruck eines missratenen Spiels eine Wendung um 180 Grad vollzöge. Deswegen ist eine andere Feststellung von ihm auch sehr viel interessanter, nämlich die, dass in den kommenden Tagen über eine ganze Reihe von Personalien zu reden sei. Es gehe darum, die Weichen für die kommende Saison zu stellen, „wahrscheinlich werden wir dem einen oder anderen Spieler wehtun müssen. Das erfolgt natürlich alles in Abstimmung mit dem Trainer“.

Als der Manager diesen Satz spricht, sitzt Falko Götz neben ihm und macht einen bemerkenswert entspannten Eindruck. Wenn die beiden nicht perfekt bluffen, dann wird dieser Trainer, mit dem Dieter Hoeneß die relevanten Fragen für die Zukunft abstimmen will, Falko Götz heißen. Warum Hoeneß dennoch ein deutliches Bekenntnis verweigert, lässt sich am besten mit seiner eigenen Rolle erklären. Ihn haben sich viele Fans zuletzt als Verantwortlichen für die sportliche Krise ausgeguckt. Hoeneß wird Wert darauf legen, dass eine Entscheidung für Götz nicht als sein Alleingang interpretiert werden kann, sondern als eine Entscheidung, die Aufsichtsrat und Geschäftsführung gemeinsam nach gründlicher Aufarbeitung gefällt haben. Eine neue Diskussion über seine Machtfülle und die damit verbundenen Konsequenzen ist das Letzte, was Dieter Hoeneß jetzt ins Konzept passt.

Berlin erlebt in diesen Tagen einen veränderten Dieter Hoeneß. Einen, der sich öffentlich um Zurückhaltung bemüht. Kommentarlos hatte er am Samstag das Olympiastadion verlassen. Noch vor ein paar Wochen hätte er das Krisengespräch mit der Mannschaft persönlich angesetzt und moderiert, diesmal ist er nicht einmal als Zuhörer dabei. Eine Stunde lang haben die Spieler diskutiert, und Kapitän Arne Friedrich lobt das Ergebnis in so hohen Tönen, dass sich der Eindruck aufdrängt, es sei das erste Gespräch im Mannschaftskreis überhaupt gewesen. Über Inhalte mag der Nationalspieler nicht mehr verlauten lassen als die üblichen Sprechblasen: Jeder habe sich eingebracht, die Mannschaft müsse jetzt zusammenstehen, niemand spiele gegen den Trainer, ach ja, der Trainer, „es ist nicht unsere Aufgabe, über seine Zukunft zu entscheiden“.

Der Holländer Ellery Cairo analysiert den rhetorischen Schlagabtausch nüchtern: „Niemand darf jetzt glauben, dass sich die Situation an einem Tag entspannt. Keiner darf glauben, dass morgen alles besser sein wird. Wir müssen jetzt mal zeigen, dass wir Männer sind.“ Nicht nur beim Diskutieren in der Kabine, sondern auch auf dem Fußballplatz, am besten schon am Samstag beim Tabellendritten Werder Bremen. „Niemand erwartet in diesem Spiel etwas von uns“, sagt Falko Götz. „Da können wir nur gewinnen.“ Ganz selbstverständlich spricht der Trainer in der Wir-Form. Natürlich gehe er davon aus, in Bremen auf der Bank zu sitzen, „ich werde die Mannschaft darauf vorbereiten wie auf ein ganz normales Spiel“. Aber welche Spiele sind in diesen Tagen schon normal bei Hertha BSC?

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