Sport : Weiter wanken

Die Bayern bleiben in der Champions League und suchen weiter nach sich selbst

Daniel Pontzen

München. Die geballte Wucht hatte ihn getroffen, Oliver Kahn taumelte. Samuel Kuffour war gegen den eigenen Torwart gerauscht in den späten Wirren der Münchner Abwehrschlacht, als sich die Bayern längst ohne Taktik gegen die Angriffswut des RSC Anderlecht stemmten. Der Torwart, dieses Symbol menschgewordener Gewalt, stolperte also im Fünfmeterraum umher, scheinbar ohne Orientierung, er sank auf die Knie und stützte sich auf die Fäuste. Es hätte ins Bild gepasst, wenn Schiedsrichter Kim Milton Nielsen zu Kahn geschritten wäre und ihn angezählt hätte. Doch es kam anders an diesem Abend, die Geschichte von Oliver Kahn war die Kurzfassung der Geschichte des Spiels: Die Bayern wankten, aber sie gingen nicht k.o. Wenige Minuten nach seinem Sturz warf Kahn sich einem Geschoss von Oleg Jachtschuk in die Flugbahn und rettete das 1:0 für sein Team. Bayern im Achtelfinale, knapp nach Punkten.

Die Münchner haben also das Schlimmste abgewendet. Auch im prestigereichsten Wettbewerb hat sich die Mannschaft wie schon zuvor in Pokal und Meisterschaft alle Chancen gewahrt, und doch half der Zittersieg kaum bei der seit Wochen angestrengten Selbstfindung. „Mit Fußball hatte das in der zweiten Halbzeit nichts zu tun“, schimpfte Präsident Franz Beckenbauer, nachdem die Münchner die Kontrolle über das Spiel kurz nach der Pause scheinbar freiwillig an den Gegner abgetreten hatten

Ottmar Hitzfeld hatte eine durchaus schlüssige Erklärung dafür: „Jeder hatte im Hinterkopf: ein Fehler, und ich bin schuld, dass wir ausscheiden“, sagte der Trainer. Seine Schlussfolgerung dagegen muss er auf andere Erkenntnisse gestützt haben als jene, die es Mittwoch zu gewinnen gab. „Ich glaube schon, dass wir in der Champions League noch einiges erreichen können“, sagte Hitzfeld tapfer, „man darf nicht das heutige Spiel zum Maßstab nehmen.“

Höhere internationale Klasse hatte am Mittwoch lediglich Roy Makaays Auftritt kurz vor der Pause. „Es war klar, dass ich den Elfmeter schieße, keine Diskussionen, fertig“, berichtete der Holländer, schließlich war es „wichtig, mit 1:0 in die Halbzeit zu gehen“. Er sagte das so beiläufig, als hätte er den Ball auch jederzeit mit den Badeschlappen ins Tor geschossen, in die er nach dem Abpfiff geschlüpft war. „Ich glaube, der weiß gar nicht, was das ist: Nerven“, vermutete Oliver Kahn.  

Ottmar Hitzfeld wird sich da besser auskennen, er brauchte zuletzt gute Nerven. Am Mittwochabend machte der Trainer einen gelösten Eindruck. Das 1:0 hatte eine Diskussion erstickt, die diesmal eh nur im Flüsterton geführt worden war. Vor und nach dem letztjährigen Ausscheiden war über Hitzfelds weitere Eignung für seinen Job noch tagelang laut debattiert worden. Nun hat er erst mal Ruhe. Bis zum Sonnabend: Dann kommt der VfB Stuttgart nach München

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