Sport : Weitsprung: Heike Drechsler zerstört den Traum der Marion Jones

Hartmut Scherzer

Die Grande Dame der deutschen Leichtathletik tanzte zur Stadionmusik wie ein Teenager, in der Hand die leicht zerknüllte deutsche Fahne. Sie hatte allen Grund dazu. 17 Jahre nach ihrem ersten Weltmeistertitel war Heike Drechsler zum zweiten Mal nach 1992 Olympiasiegerin im Weitsprung geworden. Und das mit 35 Jahren. Es war punkt 20 Uhr im Olympiastadion, als der asketischen Thüringerin im dritten Durchgang der Satz gelang, der den amerikanischen Superstar Marion Jones einschüchterte und die Goldmedaille bedeuten sollte: 6,99 Meter. Eine Stunde später: Heike Drechsler schloss die Augen. Marion Jones, die Doppelolympiasiegerin über 100 und 200 Meter, hatte ihre letzte Chance, die dritte der fünf angekündigten Goldmedaillen zu gewinnen. Die Amerikanerin sprang sehr weit, und für einen Moment jubelte sie auch. Dann blickte sie zurück und sah die rote Fahne des Sprungrichters. Übergetreten. Nur Bronze mit 6,92 Meter. Das war zu wenig für die Frau, die in Sydney fünf Goldmedaillen holen wollte. Ihr finsterer Blick verriet die Enttäuschung.

Noch jubelte Heike Drechsler nicht. Die Italienerin Fiona May, die Zweite von Atlanta, ebenfalls 6,92 Meter weit gesprungen, konnte ihr die Führung ja noch entreißen. Auch sie sprang zu kurz. 6,72 Meter. Silber. Heike Drechsler fasste sich erst an den Kopf und dann an die Nase. Die Goldmedaille gehörte ihr. Unfassbar. Der Stadionsprecher rief sie als "olympic champion" aus. Sie lachte und freute sich wie ein kleines Mädchen. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich noch auf den letzten Sprung der Konkurrenz zu konzentrieren.

Nebenan versuchte der blonde Michael Stolle, den Stab in der Hand, für den letzten Sprung seines Wettbewerbs die Konzentration zu finden. Innerhalb von zwei Minuten konnten die deutschen Leichtathleten zwei Goldmedaillen gewinnen. Auf 5,96 Meter lag die Latte: Flog der Leverkusener drüber, war er Olympiasieger. Riss er, nur Vierter. Stolle riss. "Die Hände zittern, die Knie schlottern", beschrieb Stolle seinen psychischen Zustand. Er hatte "realisiert", dass nebenan Marion Jones übergetreten war und Heike wohl Gold holen würde. "Arsch der Nation oder Olympiasieger", sei es ihm durch Kopf geschossen, und er habe versucht, sich zusammenzureißen. "Aber irgendwann bist du platt. Mag der Wille noch so stark sein - die Beine müssen laufen." Vierter mit 5,90 Meter. "Wie ärgerlich."

Wieder eine Stunde später: Siegerehrung für Heike Drechsler. Mit kindlichem Lachen kämpfte die Frau gegen die feuchten Augen während der deutschen Hymne an. Obwohl sie nun wirklich in ihrer zwanzigjährigen Laufbahn oft genug ganz oben gestanden hatte, sei es ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen. Auf der offiziellen Pressekonferenz gab sie die Antworten auf Englisch. Mit einer Medaille habe sie schon geliebäugelt, aber nie an Gold gedacht. "Ich bin ja nicht mehr die Jüngste." Der Wettkampf sei sehr schwer gewesen, wegen der ständig wechselnden Windverhältnisse und wegen der starken Konkurrenz.

Marion Jones, der geschlagene Star, wirkte schon etwas säuerlich, verkündete dann aber tapfer: "Ich kann in den Spiegel schauen und einmal meinen Enkeln erzählen, dass ich in Sydney gegen die größte Weitspringerin der Geschichte verloren habe." Sie selbst sei sehr aggressiv gewesen. Deswegen sprangen nur zwei gültige Versuche heraus. Bronze ist natürlich eine Niederlage. Dennoch bedauere sie nicht, am Weitsprung überhaupt teilgenommen zu haben. "Draußen sind so viele Mädchen, die wären überglücklich mit einer Bronzemedaille." Sie werde in den beiden Staffeln starten, kann also immer noch viermal Gold holen - wie Jesse Owens und Carl Lewis. Aber Marion Jones hätte die beiden Legenden eben gerne mit fünfmal Gold übertroffen.

Ihr Trost: In vier Jahren wird Heike Drechsler definitiv nicht mehr dabei sein. Noch zwei Jahre, dann sei Schluss, verkündete die jetzt in Karlsruhe lebende Mutter eines elfjährigen Sohnes und Angestellte einer Krankenkasse. Von einem Comeback, belehrte Frau Drechsler die Medien, wolle sie nicht reden. "Ich war ja nie weg und immer sehr motiviert." Und dennoch: Sie hatte in Atlanta und zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Sevilla wegen Verletzungen gefehlt. Schon 1988 in Seoul hatte die zweimalige Weltmeisterin (1983, 1993) im Weitsprung die Silbermedaille gewonnen. Bereits als kleines Kind habe sie von Olympischen Spielen geträumt und sich mit einer Goldmedaille um den Hals gemalt. Nun ist ihr Traum zum zweiten Mal in Erfüllung gegangen, und die zweite Goldmedaille strahlt viel schöner: "Dass ich zum Ende meiner Karriere noch einmal ganz oben stehen würde, davon habe ich nicht geträumt und kann meine Gefühle einfach nicht beschreiben."

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