• Weitsprung-Meister mit Beinprothese: Soll Markus Rehm bei der Leichtathletik-EM starten dürfen?

Weitsprung-Meister mit Beinprothese : Soll Markus Rehm bei der Leichtathletik-EM starten dürfen?

Der Prothesensprung von Markus Rehm ist ausgewertet – einen Vorteil wird man dem Deutschen Meister von Ulm kaum nachweisen können. Eine Entscheidung über eine EM-Nominierung muss dennoch schnell fallen.

Reinhard Sogl
Spuren im Sand. Markus Rehms Meistertitel in Ulm beschäftigt die deutsche Leichtathletik, am Mittwoch wird bekanntgegeben, ob er für die EM nominiert wird.
Spuren im Sand. Markus Rehms Meistertitel in Ulm beschäftigt die deutsche Leichtathletik, am Mittwoch wird bekanntgegeben, ob er...Foto: dpa

Seit mehr als 20 Jahren schon führen die Trainingswissenschaftler des Olympiastützpunkts Hessen im Auftrag des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) bei nationalen Meisterschaften biomechanische Messungen im Weitsprung durch. Dass die Frankfurter Diagnostiker aber schon zwei Tage nach der Datenerhebung erste Ergebnisse vorlegen müssen, gab es bislang noch nie. Aber es gab ja auch noch nie Titelkämpfe der Nichtbehinderten, an denen ein Handicap-Sportler teilgenommen hat. Nach einer intensiven Schicht präsentierten die Biomechaniker am Montagnachmittag dem DLV ihre Auswertung der Sprünge von Markus Rehm, der trotz oder wegen seiner Prothese am Samstag in Ulm mit 8,24 Metern Deutscher Meister geworden war. Den Umgang mit den Ergebnissen überließen die Wissenschaftler dem Verband.

Welche Schlüsse die Leistungssportabteilung aus den vergleichenden Daten der Sprünge von Rehm und dem mit 8,20 Metern auf Rang zwei gelandeten Ex-Europameister Christian Reif zieht, werden DLV-Präsident Clemens Prokop, Sportdirektor Thomas Kurschilgen und Cheftrainer Idriss Gonschinska am Mittwoch um 14 Uhr in Frankfurt am Main erklären. Bei der Nominierungspressekonferenz für die Europameisterschaften vom 12. bis 17. August in Zürich werden sie dazu Stellung beziehen, warum oder warum nicht Rehm ins Team berufen wird.

Rehm will die Entscheidung des DLV akzeptieren

Der selbst an Aufklärung über einen eventuell unerlaubten Vorteil interessierte Paralympics-Sieger erklärte derweil, jede Entscheidung akzeptieren und im Falle seiner Nichtnominierung auf eine Klage verzichten zu wollen. Das letzte Wort hat der Europäische Leichtathletik-Verband (EAA), der die Verantwortung für Rehms Starterlaubnis im Falle der Nominierung durch den DLV aber an den Weltverband (IAAF) weiterreicht. Dort liege schließlich die Regelhoheit.

Die Frankfurter Biomechaniker werteten vor allem die mittels Videokameras, Lasern und Lichtschranken gemessenen Anlauf- und Abfluggeschwindigkeiten sowie die Geschwindigkeitsänderungen beim Absprung der jeweils besten Versuche von Rehm und Reif aus. „Das zeigt eine Tendenz auf, mit der der DLV arbeiten kann“, sagte Eberhard Nixdorf vom Olympiastützpunkt Hessen dem Tagesspiegel. Wie diese Tendenz aussieht, sagte er nicht. Nur so viel: Rehm laufe mit geringerem Tempo an – was auch Weitsprung-Bundestrainer Uwe Florczak mit bloßem Auge bereits festgestellt hatte –, springe aber dennoch gleich weit. „Er muss also weniger Energie verlieren als ein Normalspringer beim Absprung“, sagte Nixdorf.

Die aktuell gewonnenen Daten reichen gar nicht aus

Für eine ganz exakte Antwort auf die Frage, ob die Vorteile von Rehms Prothese seine körperlichen Nachteile aufwiegen oder nicht, ob also letztlich die Chancengleichheit gegeben ist, reichen die in Ulm gewonnenen Daten nicht aus. „Wir können mit unserem Verfahren allenfalls beschreiben. Aber den Einfluss der Prothese nachweisen können wir nicht“, sagte Nixdorf. Dafür bräuchte es eine dreidimensionale Analyse, in der unter anderem auch die Impulse am Absprungbalken gemessen werden, wie sie Professor Peter Brüggemann an der Sporthochschule Köln vornehmen könnte. So eine komplexe Expertise, wie sie der Wissenschaftler auch im Fall des beidseitig amputierten Prothesenläufers Oscar Pistorius vorgelegt hat, erfordert wochenlange Datenerhebung und -auswertung.

Der DLV muss sich vorwerfen lassen, sich der Problematik nicht rechtzeitig gewidmet zu haben. Die Funktionäre verteidigen sich mit dem Hinweis, dass nur in einem gemeinsamen Wettbewerb wie in Ulm vergleichende Messungen durchgeführt werden könnten. Eine komplexe Studie soll rund 80 000 Euro kosten. Diese Investition sollte aber vertretbar sein angesichts der Dimension und der Brisanz des Themas, in dem es um die bedeutenden Bereiche Inklusion und Fairplay geht.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben