Weltcup in Oberhof : Worauf es beim Schießen im Biathlon ankommt

Das Schießen ist oft die entscheidende Teildisziplin im Biathlon. Auf welche Feinheiten kommt es dabei an? Insbesondere bei schwierigen Bedingungen wie aktuell beim Weltcup im Biathlon? Eine Analyse.

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Nachladen statt loslaufen. Nicht nur die deutsche Biathletin Luise Kummer hat in Oberhof mit den Witterungsbedingungen zu kämpfen.
Nachladen statt loslaufen. Nicht nur die deutsche Biathletin Luise Kummer hat in Oberhof mit den Witterungsbedingungen zu kämpfen.Foto: Imago

Eintönige Bilder sind es, die der Oberhofer Biathlon-Weltcup in diesem Jahr liefert. Dunkelgraue Wolken hängen über dem Thüringer Wald, es wirkt, als sei das Ski-Stadion von dickem Milchglas umgeben, dazu rieselt feiner Dauerregen herab. Die Sicht könnte kaum schlechter sein, was ziemlich ungünstig ist, schließlich sollen die Biathleten ja sehen, wohin sie schießen. Nebel und Regen seien zum Schießen natürlich schwierig, sagt der Männer-Bundestrainer Mark Kirchner, „aber knifflig ist vor allem Wind“.

Bei starken Böen – am Freitag wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 75 Kilometer pro Stunde gemessen – ist es schon herausfordernd, die Waffe stabil zu halten. „Und dieser Grundanschlag ist das Wichtigste“, sagt Kirchner. Wer den ideal hinbekommt, hat beste Voraussetzungen für ein fehlerfreies Schießen.

Theoretisch ist das Schießen ja auch kinderleicht. Vier Teilelemente muss ein Biathlet beherrschen: den Anschlag, die Atmung, den Abzug und das Zielen. Beim Anschlag geht es darum, innerhalb von acht bis zehn Sekunden mit dem Kleinkalibergewehr die stabilste Position zu finden. Die Atmung läuft im Zweierrhythmus ab: einmal richtig einatmen, zwei Drittel ausatmen, anhalten und anvisieren. Der Abzug ist dann schon zu 80 Prozent gezogen. Sobald im Ringkorn, der Zieleinrichtung auf dem vorderen Ende des Gewehrlaufs, die schwarze Scheibe auftaucht, wird zentriert. Und innerhalb von Zehntelsekunden werden auch die letzten Prozente des Abzugs gedrückt. Schuss. Treffer. Die vier weiteren Schüsse folgen im Zweisekundentakt. Treffer. Treffer. Treffer. Treffer. Nach maximal 25 Sekunden ist alles vorbei. So perfekt klappt es aber nur selten. Beim Biathlon wird ja bekanntlich noch gelaufen. Die Sportler kommen mit einer hohen Belastung zum Schießstand, obendrein findet das Schießen nicht in einer stillen Halle statt, sondern vor lärmendem Publikum in Freiluftarenen, wo neben dem Wind auch die Lichtverhältnisse auf den Schützen einwirken. „Die läuferische Belastung ist eine entscheidende Komponente“, sagt Kirchner. „Beim Anvisieren tanzt die Scheibe hin und her.“

Schlechte Erfahrungen beim Schießen macht jeder Biathlet im Laufe einer Saison

Wie schwierig es mit dem Treffen ist, kann jeder zu Hause ausprobieren, betont der 44-Jährige: einfach mal drei Treppenstockwerke hoch- und runterlaufen und danach versuchen, einen Faden durch ein Nadelöhr zu schieben.

Schlechte Erfahrungen beim Schießen macht jeder Biathlet im Laufe einer Saison, bei den Deutschen konnten in dieser Teildisziplin in diesem Winter bisher meistens nur Franziska Hildebrandt und Simon Schempp überzeugen. „Wir haben da noch ein paar Reserven“, sagt Kirchner. Besonders in den Rennen, wo viermal geschossen wird, sei das ein Knackpunkt.

Fehlschüsse haben für Kirchner besonders eine Ursache: fehlende Konzentration. „Man muss jeden Schuss abarbeiten und darf sich nicht treiben lassen.“ Kirchner, während seiner aktiven Zeit dreimal Olympiasieger, betont: „Ich habe versucht, immer nur auf mich zu schauen.“

"Der Wettkampf beginnt nicht am Start, sondern bereits mit dem Einschießen"

Sich nur auf das eigene Handeln zu fokussieren, empfindet auch die Schwedin Magdalena Forsberg als das Schwierigste beim Schießen. Die 47-Jährige, die ihre Karriere 2002 beendete und mittlerweile als Expertin für das schwedische Fernsehen tätig ist, gilt als eine der besten Schützinnen der Biathlongeschichte. „Wenn man es richtig anstellt, steht die Zeit still und man ist in seiner eigener Welt“, sagt sie. Forsberg gelang dies, indem sie am Schießstand immer dasselbe tat. Wieder und wieder. Ob beim Liegendanschlag, bei dem die Position stabiler ist, dafür aber die 50 Meter entfernte Zielscheibe im Durchmesser nur 4,5 Zentimeter beträgt. Oder beim Stehendanschlag, bei dem die Wackelgefahr größer ist, aber auch die Fläche mit 11,5 Zentimetern.

Außerdem legte Forsberg großen Wert darauf, im Anschlag stets auch körperlich entspannt zu sein. So empfand sie es als zu verkrampft, wenn sie beim Zielen ein Auge zukneifen musste. Dieses Problem löste sie mit einer Blende am Gewehr. Dem Zuschauerlärm trotzte sie als eine der ersten Biathletinnen mit Ohrenstöpseln. Dabei verwendete Forsberg diese zunächst nur, um ihr Gehör vor dem Geräusch der Waffe zu schützen. „Aber dann habe ich gemerkt, dass es auch gegen das laute Publikum nützt.“ Trotz all der kleinen Hilfsmittel, die bedeutendste Grundregel beim Schießen lautet für Forsberg: „Der Wettkampf beginnt nicht am Start, sondern bereits mit dem Einschießen.“ Wer dort unkonzentriert arbeite und das Diopter, also die Visiereinrichtung, nicht entsprechend den Windbedingungen einstelle, habe später deutliche Nachteile.

Bei all den kleinen Elementen kommt es für Magdalena Forsberg am Ende vor allem auf eines an: „Das Entscheidende spielt sich eh alles im Kopf ab.“

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