Weltcup : Was Schwimmer schneller macht

Hartes Wasser, niedrige Wellen, ein ebenes Becken - in Berlin brachte das Rekorde in Serie. Auch die Temperatur in der Hauptstadt ist genau richtig.

Frank Bachner
Poewe
Geliebte Bahn. Die Wuppertalerin Sarah Poewe siegte in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee. -Foto: ddp

Berlin - Acht Männer trotteten barfuß, in Schwimmanzügen und eingehüllt in Frottee-Bademäntel zu den Startblöcken. Das war für den Hallensprecher das Zeichen. „Let’s rock ’n’ roll“, schrie er, und neben ihm schob einer am Mischpult einen Regler nach oben. Rockmusik dröhnte durch die Schwimmhalle an der Landsberger Allee. 50 Meter Freistil standen an beim Weltcup in Berlin, da musste Stimmung her, es stand schließlich der nächste Weltrekord an. Stefan Nystrand, der Schwede, war schon im Vorlauf in Weltrekordnähe gekommen.

Kurz darauf dröhnte wieder Rockmusik aus den Boxen, Sekunden nachdem der Hallensprecher gebrüllt hatte: „Yeah, Weltrekord.“ Und am Becken ließ sich Nystrand für seine 20,93 Sekunden feiern. Der vierte Weltrekord insgesamt beim Weltcup, der zweite von Nystrand. Die Bestmarke über 100 Meter Freistil (45,83) hatte er sogar vollmundig angekündigt. Dazu kommt ein halbes Dutzend Deutsche und Europarekorde. Weltcup in Berlin, ein Rekordfestival.

Das hat nahezu alles mit hartem Training zu tun, logisch. Das hat aber auch etwas mit diesem Becken in der Halle an der Landsberger Allee zu tun. Und natürlich mit der Tatsache, dass Schwimmer hochgradig sensible Wesen sind, die auf jede Feinheit reagieren. Und wenn man sie summiert, die Faktoren, dann zeigen sie bemerkenswerte Wirkung.

„Das Wasser zum Beispiel ist nicht weich“, sagt Manfred Thiesmann, der deutsche Bundestrainer. Weich ist ein Fachausdruck, den Unterschied zwischen weichem und härterem Wasser spüren nur Menschen, die unzählige Stunden im Pool verbringen. „Wenn das Wasser zu weich ist“, sagt Thiesmann, „haben die Athleten das Gefühl, dass sie sich nicht gut abdrücken können.“

Auch die Temperatur in Berlin ist auf den Punkt richtig. Die Standardtemperatur liegt bei 26,5 Grad Celsius, schon leichte Abweichungen registrieren Topschwimmer mit seismografischer Sensibilität. Und das irritiert sie. Als bei der Freiluft-EM in Sevilla in brütender Hitze die Wassertemperatur auf rund 28 Grad stieg, gab es einen kollektiven Aufschrei. Das gleiche Gejammer geht los, wenn die Temperatur ein bisschen unter der Norm liegt. Ein weiterer Punkt: Das Becken hat zehn Bahnen, geschwommen wird aber nur auf acht, damit liegt zwischen dem jeweils äußersten Schwimmer und dem Beckenrand immer eine leere Bahn. So schwappen kaum Wellen von der Wand auf die Wettkampfbahnen zurück. Wellen aber bremsen die Athleten. Zudem sind die Trennleinen auf dem technisch neuesten Stand. Das heißt, sie drehen sich und verringern deshalb auch den Wellengang. Es gibt Leinen, die relativ statisch sind und damit nur begrenzten Wert besitzen. Bei der WM in Barcelona 2003 galten die Leinen sogar als katastrophal.

Noch ein Detail: Der Beckenboden ist eben. Es gibt Pools, die plötzlich tiefer werden, weil dort die Kunst- und Turmspringer ins Wasser stürzen. „Schwimmer irritiert das, weil es ihre Orientierung beeinträchtigt. Sie wissen dann nicht mehr genau, wie weit sie noch bis zum Beckenrand haben“, sagt Thiesmann. Für die Wenden ist das ein wichtiger Punkt. Eine schnelle, punktgenau Wende, bei der sich die Schwimmer mit größtmöglicher Kraft und Körperspannung von der Wand abdrücken können, ist eine Schlüsselszene beim Schwimmen.

Zudem ist die gesamte Atmosphäre in Berlin vorzüglich. „Es ist die schönste Halle, die ich kenne“, sagt Thiesmann. „Es stimmt alles. Deshalb kommen die Athleten sehr gerne hierher. Sie fühlen sich hier einfach wohl.“ Die Olympiasiegerin Laure Manaudou bestätigt das. „Es ist sehr schön hier, alles passt“, sagt die Französin. Bei ihr passte vor allem die Zeit: Über 200 Meter Freistil schwamm sie Europarekord. Es geht um Psychologie. Wer die Atmosphäre und den Pool genießen kann, geht entspannter ins Wasser. Das kann im Kampf um Hundertstelsekunden entscheidend für einen Rekord sein.

Nur ist es manchmal auch gefährlich, Perfektion zu erreichen. Weltrekordlerin Britta Steffen hat zum Beispiel in Berlin die Augen zugemacht, als sie durchs Wasser pflügte. Die 24-Jährige hat „dann das Gefühl, dass ich das Wasser ganz besonders gut greifen kann“. Bestimmt richtig, aber dann sollte man auch rechtzeitig wieder die Augen öffnen. In Berlin hatte sie einmal das richtige Timing um Sekundenbruchteile verpasst. Und dann, sagt Britta Steffen, „wäre ich fast gegen die Wand gerauscht“.

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