Sport : Weltklasse fernab von Kameras Warum Feldhockey kaum im Fernsehen gezeigt wird

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin. Seit einer Woche läuft in Barcelona die Feldhockey-Europameisterschaft der Damen und Herren – aber kaum einer kann zugucken. Dabei ist Feldhockey bereits seit 1908 olympische Disziplin. Die deutschen Herren sind als Welt- und Europameister Titelfavoriten. Den Damen werden als Weltmeisterschafts-Siebte 2002 Außenseiterchancen eingeräumt. Beide Teams haben sich für die morgigen Halbfinals qualifiziert. Die Herren marschierten ohne Punktverlust durch die fünf Spiele der Vorrunde und treffen auf England. Auf die Damen wartet Vizeweltmeister Holland.

Deutschland spielt seit Jahren auf Weltklasseniveau. In der Bundesrepublik spielen etwa 60000 Hockey im Verein. Beim Fußball sind es sechs Millionen. Das Interesse der Fernsehmacher ist gering. Kein einziges EM-Spiel wird in voller Länge übertragen. Und in der Zukunft gibt es noch mehr EM-Hockey, denn die Titelkämpfe werden nun alle zwei statt alle vier Jahre stattfinden.

Woran liegt es, dass der Sport so unpopulär ist? Vielleicht am Spiel selbst: Das Geschehen wird, im Vergleich zu anderen Ballsportarten, häufig unterbrochen. In vielen Fällen kann ein Laie nichts mit den Pfiffen des Schiedsrichters anfangen. Die Regeln sind komplex. Der Welthockey-Verband (FIH) hat schon mehrfach versucht, den Sport durch Regeländerungen attraktiver zu machen. Kaum eine Sportart hat sich in den letzten zehn Jahren so tiefgreifend verändert wie Feldhockey. So wechselte man Anfang der neunziger Jahre von Natur- zu Kunstrasen, um mehr Ballkontrolle und damit ein flüssigeres Spiel zu gewährleisten. Kunstrasen hat aber auch Nachteile: Auf dem flachen Belag ist der Ball so schnell, dass er im Fernsehen oft kaum zu erkennen ist. Nur mit aufwändiger Technik und vielen Kameras ließe sich das Spielgeschehen einfangen.

Und wird Feldhockey dann einmal im Fernsehen übertragen, muss sich der Deutsche-Hockey-Bund (DHB) an den Produktionskosten beteiligen. Aufwändigere Technik könnte man sich also gar nicht leisten. Beim Tischtennis hat man deshalb den Ball vergrößert. Laut Christoph Plass von der deutschen Hockey-Agentur würde unter einer Vergrößerung des Spielgerätes „die Ballbehandlung leiden und das Spiel unkontrolliert werden. International wird momentan über eine Vergrößerung der Tore diskutiert“.

Die bisher wirkungsvollste Regeländerung war die Abschaffung des Abseits’ kurz nach den Olympischen Spiele in Atlanta. Seitdem gibt es wesentlich mehr Schusskreisszenen, und es fallen mehr Tore.

Das Hauptproblem hinsichtlich der Attraktivität der Sportart liegt jedoch woanders: Fast die Hälfte aller Treffer kommt durch so genannte Strafecken zustande. Begeht ein Verteidiger im eigenen Schusskreis eine Regelwidrigkeit, so gibt es eine Strafecke gegen seine Mannschaft. Mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 60 Prozent führt die Ecke zum Tor. Da diese Standardsituation den normalen Sportfan spätestens nach der dritten Wiederholung langweilt, wurde über eine Änderung nachgedacht. Doch das zwischenzeitlich eingeführte Penaltyschießen brachte nicht die erhoffte Verbesserung.

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