Sport : Weltklasse und schwarze Zahlen

Thomas Zellmer

Heinz Seesing könnte sich die Hände reiben. Doch ein honoriger Kaufmann aus der Hansestadt Bremen tut dies nicht, er ist doch kein Verkäufer an einer Marktbude. Sondern Promoter eines Qualitätsproduktes - mit dem Namen Berliner Sechstagerennen. Dass Gütesiegel das Gemisch aus Sport und Show nicht immer in der Vergangenheit auszeichnete, ist nicht nur in Eichkamp rund um die Deutschlandhalle bekannt. Doch nach leichten Anfangsschwierigkeiten im ersten Jahr im neuen Velodrom an der Landsberger Allee - 1997 half der Senat den Veranstaltern mit dem Erlassen der Hallenmiete - ist Sechstagerennen in Berlin zum Selbstläufer geworden. 1998 stand ein kleines finanzielles Plus zu Buche, zu Beginn des Jahres 1999 schon ein wesentlich deutlicheres; "wir haben den Gewinn gut angelegt, die sind Investitionen für die Zukunft", sagt der Veranstalter Seesing. Für 100 Reisebusse aus dem Berliner Umland habe er bei Fragen nach Sitzplätzen fürs Wochenende absagen müssen, nur noch ein paar hundert Tickets stehen für den Start am Donnerstag, für Montag und das Finale am Dienstag an den Abendkassen zu Verfügung.

Der Gesamtetat des 89. Berliner Sechstagerennens bewegt sich mit 4,5 Millionen Mark auf Rekordhöhe. Dabei ist Seesing stolz darauf, dass die weniger prominenten Fahrer im Feld, deren Kosten für Hotels, Verpflegung, Material und Pfleger sie schon immer zu "Hungerleidern" der Branche machten, von einer leichten Erhöhung der Gagen profitieren können. Insgesamt 49 Rennfahrer haben Seesing und sein Sportlicher Leiter Otto Ziege für die Sixdays und das Rahmenprogramm mit Sprint und Steherrennen unter Vertrag genommen - darunter neun Weltmeister, "niemand mit Rang und Namen fehlt, darauf dürfen wir stolz sein", sagt Ziege. Insgesamt 18 Manschaften bilden das Sechstagefeld, die Vorjahressieger Andreas Kappes und Etienne de Wilde sind diesmal mit einem jeweils anderen Partner dabei. Das belgische Evergreen de Wilde ist mit 41 Jahren übrigens Senior, der 19jährige Engländer Bradley Wiggins Benjamin des Feldes. Den Startschuss im Velodrom gibt am Donnerstag um 21 Uhr der Boxchampion Wladimir Klitschko ab.

Sechsmal wurden in der Saison 1999/2000 bereits Sechstagerennen bestritten. Die Sieger hießen Collinelli/Cipollini (in Fiorenzuola), Risi/Betschart (in Dortmund), Baffi/Collinelli (in Grenoble), Martinello/Kappes (in München), McGrory/Madsen (in Gent) und noch einmal die Schweizer Risi/Betschart (zuletzt in Zürich). Bis auf Italiens "Super Mario" Cipollini, dessen Vorliebe anders aussieht, als Tage lang rundum auf einer Holzbahn zu kreisen, sind alle Sieger auch im Berliner Velodrom am Start.

Für das einheimische Kolorit mit der Chance, im Vorderfeld eine gute Rolle zu spielen, steht Robert Bartkos Name. Der 24-jährige Berliner wurde im Oktober im Velodrom Weltmeister in der Einzel- und Mannschaftsverfolgung und hat mit dem Australier Scott McGrory einen international begehrten Partner erhalten. Bartko (bald im Team Deutsche Telekom?) hat im Dezember seinen Bundeswehrdienst im Oberallgäu abgeschlossen, das Notprogramm des Doppel-Weltmeisters zur Vorbereitung auf das Berliner Sechstagerennen bestand aus dreiwöchigem Training in Frankfurt (Oder). "Da verbieten sich ganz große Ansprüche von selbst. Logisch will ich so weit wie möglich vorne landen, aber wer will das nicht? Ich habe doch erst fünf Sechstagerennen gefahren und muss noch viel lernen", sagt Bartko - und will seine erstaunlichen Gesamtplacierungen in Dortmund und München (Vierter/Dritter) nicht überbewertet wissen. "Womöglich von einem Sieg zu träumen, wäre absolut unrealistisch." Dies wird seine prominente Konkurrenz ebenso sehen.

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