Sport : Weltläufiger Weißbiertrinker

Benedikt Voigt

Manchmal überrascht Georg Hackl sich selber. Zum Beispiel als er bei der Pressekonferenz nach seiner Silbermedaille im Deutschen Haus nach dem richtigen Wort suchte. "Die Startergebnisse im Training haben mich, äh, confident gemacht." Seltsam, Georg Hackl aus Berchtesgaden, dessen eigentümliches Bayrisch-Englisch oft nur belächelt wird, kann sich plötzlich nur noch in Englisch ausdrücken. Hackl wunderte sich selber darüber und fluchte: "Kruzifix."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Er hat dann doch noch das richtige Wort gefunden. "Optimistisch, das hat mich optimistisch gemacht, jetzt haben wir es." sagte er. Na sowas, Georg Hackl, genannt der Hackl Schorsch, ist polyglott, wer hätte das gedacht. Doch es stimmt ohnehin so manches nicht, was über ihn kolportiert wird. Seit Jahren kämpfte der Rennrodler gegen das Image als unbedarftes bayrisches Urviech. "Mir geht es nicht darum, mich darzustellen, und wenn immer das Falsche rumkommt, dann schon gar nicht", erklärt er . Auch in Salt Lake City hat ihn dieses Phänomen wieder eingeholt. Die Zeitung "USA Today" beschrieb ihn als Weißbiertrinker und Weißwurstesser, der eine seltsame Sportart betreibt und dabei so unsportlich ist, dass er nicht richtig laufen oder springen kann.

Doch seit Montag mögen ihn die US-Amerikaner. Er hatte bei der internationalen Pressekonferenz Gefühle gezeigt, hatte aus Freude über seine Medaille erst übermütig Sprüche gemacht und war dann bei der Frage, wem er diese Medaille widme, in Tränen ausgebrochen. "Ich widme sie meinem Vater", hatte er weinend gesagt. Sein Vater war im Dezember verstorben. Später hatte sich Hackl alle Fragen über den Tod seines Vaters verbeten.

Das ist er nämlich auch. Ein gefühlvoller Mensch und ein fairer Sportler. "Armin Zöggeler hat zu Recht gewonnen, er ist das Maß aller Dinge im Rodelsport", hatte er gesagt. Dass Hackl tatsächlich nicht mehr laufen und springen kann, hängt mit seinem Bandscheibenvorfall zusammen, den er 1996 erlitten hatte. Seitdem versucht er seine athletischen Defizite durch Technik wettzumachen. "Die rauchen mich doch beim Start in der Pfeife, da muss ich Mittel finden, um auf der Bahn schneller zu sein", sagt Hackl. Auf der Bahn im Utah Olympic Park war Hackl niemals besser gestartet als Rang 26. Doch während der Fahrt holte er fast alles auf. "Ein kleiner technischer Vorsprung ermöglicht es mir, diese Zeitrückstände aufzuholen", sagte er. Bis zu den Olympischen Spielen hatte er geheim gehalten, um was es sich genau bei diesem technischen Vorsprung handelt, den er gemeinsam mit zwei Technikern von der Autofirma Porsche entwickelt hatte. Im Deutschen Haus erklärte er erstmals Details. "Es gibt einen Mechanismus, durch den ich verschiedenen Feinabstimmungen umstellen kann." Er hatte diesen Schlitten eigens für die Bahn im Utah Olympic Park entwickelt. Dort konnte er bei seinem neuen Porsche-Schlitten nach der zweiten Kurve seinen Mechanismus umschalten. "Dann hatte ich optimale Gleiteigenschaften" Konkret bedeutet das: Hackl hat im Rodeln einen zweiten Gang eingeführt.

Das ist er auch, der Georg Hackl. Ein akribischer und besessener Tüftler. Es geht ihm darum seinen Sport immer weiter zu entwicklen, deshalb reagiert er auch verärgert, wenn seine Verbesserungsvorschläge vom Weltverband nicht ernst genommen werden. "Die hören mir gar nicht zu, dabei bin ich doch nicht irgendeiner." Das Wichtigste ist ihm sein Sport, alles andere ist nebensächlich. So ein seltsamer Schlittenbastler verkauft sich natürlich schlecht in der Öffentlichkeit und bei den Sponsoren. Das gilt sogar für einen, der bei fünf Olympischen Spielen drei Goldmedaillen und zwei Silbermedaillen holte. Aber der Sportsoldat will sich auch nicht verkaufen. "Ich will mich im Sport entwickeln." Nun möchte der 35-Jährige noch ein Jahr dranhängen, obwohl im nächsten Jahr kein außerordentlicher Höhepunkt auf ihn wartet. Doch Rodeln ohne Georg Hackl ist undenkbar, und eigentlich braucht er ja auch seinen Sport. Was seine Motivation sei für die nächste Saison, wurde er gefragt. Hackl beugte sich über sein Mikrophon und antwortete: "Das verrate ich ihnen nicht." Hoppla, da war er doch wieder, der eigentümliche Bajuware in ihm.

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